09.04.12 | Liga-Kolumne

Begegnung auf der Pferderennbahn

Am letzten Sonntag war ich mit der Familie auf der Pferderennbahn – lahme Gäule gucken. Vom Wochenenderlebnis ein bisschen wie Alemannia – manchmal. Immerhin: Ein Nachmittag mit 52 Kilo schweren Jockeys und spielsüchtigen Rentnern lenkt ein bisschen ab vom Abstiegskampf. Außerdem bringt so ein Ausflug mit ein bisschen Glück und Geschick den ein oder anderen Euro in die Familienkasse, wenn man auf das richtige Pferd setzt. Es ist also absolut nichts einzuwenden gegen den kleinen Streifzug in eine etwas andere Sportart.
 
Aber natürlich geht auch so ein Nachmittag nicht ganz ohne Alemannia. Da mich das richtige Pferdeben auch hier stets brennend interessiert, steht die Dauerleitung zu sämtlichen Sport Apps auf meinem Handy. Man will sich ja nicht vorwerfen lassen, die Auswärtsspiele der Tabellennachbarn und das Trainerkarussell am Tivoli aus den Augen zu verlieren. Und während ich so mit Carl am Pommes-Stand die Gäule im Renn-Programm studiere, traue ich meinen Augen nicht wirklich. Denn just in dem Moment, als ich mit dem Sohnemann angeregt über die Chancen von Kleppern, die „Auentänzer“ oder „Sternenwind“ heißen, diskutiere, drückt mir mein Schwiegervater den Ellebogen in die Seite und deutet per Fingerzeig auf das vorbei schlendernde, schwer verliebte Pärchen – älterer Mann in viel zu jungen Klamotten mit gar nicht mal so schlechter Perle in dafür absolut passendem Outfit. Da ich es nicht glauben kann, ist es ganz hilfreich, dass ich das, was ich sehe durch Carl bestätigt bekomme. „Papi, da ist doch der Trainer von Alemannia!“. „Richtig“, denke ich, bin mir aber eigentlich gar nicht mehr so sicher, ob er es wirklich noch ist. Friedhelm Funkel hört den Ausruf des Filius, registriert wohl auch meinen ungläubigen Blick, räuspert sich kurz und geht dann offensichtlich gut gelaunt weiter – eng umschlungen mit der Perle wie am ersten Tag. Schnell der Griff zum Handy, um zu checken, ob der Gockel nächste Woche tatsächlich noch Sergiu Radu oder David Odonkor versucht das Kicken beizubringen oder ab sofort eher in Sachen Rennpferde unterwegs ist. Klarer Fall von Denkste, denn auf dem Handy steht es schwarz auf weiß: Funkel entlassen, Aussem übernimmt.
 
Ehrlich, ich möchte Friedhelm Funkel wirklich nichts schlechtes. Vielleicht war der Besuch auf der Rennbahn ja schon länger geplant und hübsche Mädels muss man ja auch bei Laune halten. Aber mal ehrlich: Der Mann war gerade seit ein paar Stunden seinen Job los. Und dazu passte der Spaziergang mit der blonden Herzensdame irgendwie nicht. Als ich meinen letzten Job verloren habe, war ich irgendwie mieser drauf. Pferderennen habe ich da erst mal gelassen. Aber gut, wenn zwei sich trennen, kann manchmal auch die Erleichterung überwiegen – auf beiden Seiten.
 
Trotzdem: So oder so hat mich die flüchtige Begegnung auf der Pferderennbahn wieder mal ein bisschen traurig gemacht. Nicht, dass es mich überrascht hätte, aber wieder einmal hat mir einer gezeigt, dass Vereinsliebe und Arbeitgeberverhältnis zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Klar – doof ist es schon, wenn man seinen Job verliert. Da sucht man Trost mit der Perle bei einem Pferderennen, setzt arg versonnen einen Hunderter auf Sternenwind und köpft Abends eine schwere Flasche Merlot. Aber richtig verzweifelt – nö! Am Ende ist es doch nur ein Job. Irgendwie kann ich es sogar ein bisschen nachvollziehen. Und doch: Die sich an Grenzwerte annähernde Verzweiflung, bei einer Heimniederlage, die eine ziemlich realistische Aussicht auf funkelnagelneue neun Jahre dritte Liga eröffnet, die fühlt sich anders an – ganz anders. Die pocht in Deinem Kopf – drei, vier Tage lang, ununterbrochen. Danach sucht sie dich sporadisch heim – immer dann, wenn Du nicht daran denkst und sie auch eigentlich nicht brauchen kannst. Dann, wenn Du mit Deinen Kindern spielst, wenn Du Deinen Job machen musst oder immer dann, wenn Du mal alleine bist: auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Weg zurück, Abends im Bett vor dem Einschlafen oder wenn Du joggen gehst, was Du ja eigentlich nur tust, um den Kopf mal wieder frei zu bekommen. Du fühlst Dich total hilflos, alles um Dich herum nimmt Fahrt auf, nur Du stehst. Ziemlich Scheiße ist das! Und irgendwie würde ich das gerne auch einmal den Spielern einhämmern, die da gerade um die Zukunft von Alemannia spielen und damit auch um meine – leider nicht um ihre eigene. Aber vielleicht denken sie heute einmal daran, wenn sie das hier lesen. Vielleicht berührt sie ja einmal ein Appell, der da heißt: Tut es heute einfach mal nur für mich und für die Leute, die so fühlen wie ich. Und dann – irgendwann, wenn wir uns mal auf der Pferderennbahn sehen und Ihr schon lange nicht mehr für Alemannia spielt – dann nehme ich meinen Sohn an die Hand, werde ihn Euch stolz vorstellen und mit einem festen Händedruck „Danke“ sagen.






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