19.08.11 | Fußballkultur

Ausflug nach Alamo

Immer, wenn Energie Cottbus zum Tivoli kommt, denke ich an ein kleines Dorf in Sachsen, das Tharandt heißt und in dem ich zwei bedauernswerte Jahre meines Lebens verbracht habe. Das einzig erwähnenswerte an dem Ort war ein tschechischer Kollege, der schon in der Mittagspause Bier trank und mir heute noch feiste E-Mails schreibt, wenn Tschechien irgendein Länderspiel gewinnt.
 
Ein anderer Trost damals: Alemannia. Es war die Saison nach dem Aufstieg und Alemannia befand sich im Rausch, hatte im Sommer – kurz bevor ich in Richtung Osten zog – in einer epischen Schlacht Borussia Mönchengladbach am Bökelberg mit neun Mann plus Clirim Bashi geschlagen. Im sich anbahnenden Winter war der Aufstiegsrausch zwar schon dezent verflogen, trotzdem war total klar, dass ich nach Cottbus fahren würde, als Alemannia laut Spielplan dort hin musste. Mein Vater war zu Besuch und auch nicht schwer zu überreden.
 
Gesagt, getan! Bei gefühlten zwanzig Grad minus fuhren wir die zwei Stunden von Tharandt nach Cottbus. Dort angekommen brauchten wir auch nicht lange, um zu verstehen, dass rund um das Stadion der Freundschaft der Stadionname eher nicht Programm war. Einige der Leute waren ziemlich unentspannte Zeitgenossen, was sich unter anderem an kahlen Köpfen, gestretchten Hosen und kurzleinig gehaltenen Schäferhunden auch optisch zeigte. Das Ganze hatte etwas von "Alamo" – einem Western mit John Wayne, in dem der gemeinsam mit knapp 50 Texanern – und ohne Clirim Bashi – eine mexikanische 250-Millionen-Mann-Armee vermöbelte. Jedenfalls ging uns diese Szenerie durch den Kopf als wir die Aachener Fankurve erreichten und dort ungefähr 30 Aachener antrafen, die zusammen ungefähr so viel getrunken hatten wie 250 Millionen Mexikaner oder John Wayne an guten Tagen. Ein Schulterschluss war da eher nicht drin, also platzierten wir uns ein bisschen abseits vom Mob und haarten der Dinge. Und die hatten es in sich.
 
Denn Alemannia spielte mit waghalsiger Aufstellung und mit Leuten, die danach nie wieder gesehen wurden. Nach einer Viertelstunde lagen wir 0:3 zurück und am Seitenrand machte sich Taifour Diane bereit, um noch zu retten, was längst verloren war. Die Alemannen neben uns wussten, dass das mindestens schwierig werden würde und vertrieben sich die Zeit auf ihre Weise. Grimmige Fratzen wirken eher niedlich, wenn man betrunken ist. Und so hält man es ganz schnell für eine gute Idee, ein paar Stauden Bananen in einen Block voller Neonazis zu schmeißen. Gefahrensucher in Ost-Deutschland.
 
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Im Stadion waren zu 99 Prozent ganz normale Fußball Fans. Nur im Block neben uns halt nicht. Und irgendwie beruhigten uns auch die drei Polizisten nicht, die zwischen beiden Blocks platziert waren, nach der Bananen-Aktion aber langsam zu tuscheln begannen. Jedenfalls war der Entschluss, fünf Minuten vor dem Abpfiff zu gehen, nicht der schlechteste. Alemannia hatte eh schon klar verloren, auch Taifour Diane konnte daran nichts mehr drehen. Und unsere Nachbarn sahen halt nicht so aus, als wüssten sie Bananen aus dem Westen zu schätzen.
 
Irgendwie bin ich froh, dass Energie Cottbus der Bundesliga-Verein ist, der am weitesten im Osten liegt und Alemannia der Verein, der am weiteten im Westen liegt. Die Scheiße mit Tharandt ist auch schon lange vorbei, so dass ich nur noch zu den Heimspielen gehe, wenn es gegen Energie geht. Hier gibt es zwar keine tschechischen Kollegen mehr, aber die schreiben ja eh, wenn Tschechien irgendwas gewinnt. Das reicht.






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