15.05.11 | Fußballkultur

Der Traber des Jahres

Das erste Fußballspiel, an das ich mich erinnern kann, fand auf der Mariaweiler Landstraße in Düren statt. Das Stadion dort trug den prächtigen Namen „Westkampfbahn“ und die Mannschaft, die dort kickte hieß Düren 99. Der Star der Mannschaft war langsam, aber technisch beschlagen und der Dürener Mob nannte ihn nur den „Traber des Jahres“. Gegen wen es damals ging, weiß ich nicht mehr – es mag Borussia Brand oder der SV Baesweiler gewesen sein.
 
Ich war noch sehr jung damals, deshalb erinnere ich mich überhaupt an nicht mehr so viel von diesem so bedeutenden Tag – an ein paar Dinge aber doch. Da war diese endlose Landstraße, die raus nach Mariaweiler führte und die mein Vater und ich komplett bewältigen mussten, um zum Stadion zu kommen. Jeden zweiten Sonntag gingen wir die beiden Theisen-Männer zehn Minuten Richtung Westkampfbahn-Kassenhäuschen, voller Vorfreude auf ein Spiel zwischen Männern für Männer. Denn genau das war es, was an der Westkampfbahn gegeben wurde. Jedenfalls kann ich mich an keine einzige Frau erinnern, die den „Traber des Jahres“ auf dem Zettel hatte.
 
 Es waren vor allem ältere Männer auf der Mariaweiler Landstraße unterwegs. Ältere Männer, die wiederum vor allem eines auf ihrem Zettel: sich furchtbar zu ärgern. Niemand von ihnen trug einen Schal in den Vereinsfarben oder gar eine Fahne – natürlich trug das niemand. Seite an Seite mit diesen kahlen Männern ging ich fest an der Hand meines Vaters zur damals schon altehrwürdigen Westkampfbahn. In Zeiten, in denen Stadien verkauft werden als bedeute das gar nichts, klingt ein solcher Stadionname so wunderbar sanft wie die Stimme Johnny Cashs an einem Katertag. Hier stand keine Arena, auch kein Stadion, hier lag ein Spielfeld, das von einer hässlichen Aschenbahn umgeben war und an dessen Gegengerade eine einzige uralte Holztribüne überlegen vor sich hin thronte. Wer von den Zuschauern keine fünf Mark in die Hand nahm, um auf dieser Tribüne zu sitzen, konnte sich rund um die Westkampfbahn hinter ein Geländer stellen und 90 Minuten seinen Platz in der ersten Reihe verteidigen. Halbe Portionen wie ich hatten dabei keine Chance gegen finstere, Zigarre rauchende Opas, die einen Sechsjährigen ohne zu zögern mit ihren sehnigen Ellebogen zur Seite kickten. Wie anders als Westkampfbahn konnte ein solcher Ort schon heißen? Keine Frage: Stadien und ihre Namen geben Menschen wie mir schon mal das erste Maß an Identifikation. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als die Orte, an denen das so große Spiel stattfindet. Und – hey – sein erstes Mal vergisst man nicht. Den Gegner – ja, die Torschützen – ja und von mir aus auch das Ergebnis. Aber den Ort, den vergisst Du nicht. Das ist wie mit dem ersten Kuss. Den Namen des Mädchens vergisst Du, auch was heute aus ihr geworden ist, wie sie geschmeckt hat – aber, dass es hinter dem Festzelt beim Schützenfest in Golzheim war – das vergisst Du nie.
 
Einer dieser magischen Orte – vielleicht der schönste von allen – hat es nun hinter sich und nach zwei Jahren Schalensitzen komme ich mir vor, als hätte ich ihn kurz vor seinem Tod niederträchtig betrogen mit einem dieser neuen Paläste, nur ein paar Hundert Meter weiter. Er wird mir fehlen – auch wenn er nicht mehr schön anzusehen war in den letzten Jahren, in denen er so bitter vor sich hin faulte, die langen Flutlicht-Arme wie resignierend neigend. In diesem Sommer wird der Tivoli abgerissen – ein furchtbarer Satz in der letzten Kolumne des Jahres! Nur die Erinnerung wird von ihm übrig bleiben. Und irgendwann, wenn ich Zigarren rauche und kleine Kinder schubse, werde ich vielleicht nicht mehr wissen, wann ich das erste Mal dort war, gegen wen es ging und wie es ausgegangen ist. Aber wer neben mir stand, wie es war, dort hin zu gehen und wie ich meine Ellebogen auspacken musste, um meinen Platz zu sichern, das werde ich nicht vergessen haben – ganz sicher nicht.
 
Genauso wie die Westkampfbahn, auf der einst der „Traber des Jahres“ spielte.






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