24.10.10 | Fußballkultur

Die Welthauptstadt des Fußballs

Meine erste Erinnerung an argentinischen Fußball stammt aus dem Jahr 1978 – natürlich. Denn damals erlebte ich erstmals bewusst eine Fußball-Weltmeisterschaft. Allerdings war es weder der einzigartige Konfetti-Regen von den Rängen in Buenos Aires, der beim Finale der argentinischen Mannschaft gegen die Niederlande in Richtung Rasen flog noch dieser charismatische Trainer der Albiceleste, der in 90 Minuten so viele Zigaretten rauchte wie meine Eltern zusammen in einem Monat. Nein – meine erste Erinnerung an Argentinien und deren Fußball war ein Mann mit langen Haaren bis in den argentinischen Nacken und einem tiefschwarzen Schnauzbart: Leopoldo Luque. Während mein Vater vor allem von Mario Kempes schwärmte, war ich fasziniert von dessen Sturmpartner, der vier Tore in fünf Spielen schoss und die Rückennummer 14 auf diesem grandiosen Trikot mit den hellblauen Streifen trug. Was mich an dem Mann beeindruckte, waren seine langen Arme, die er weit von sich streckte, wenn er traf und die Meter lang schienen. Leopoldo Luque war Argentinien für mich – anders und charismatischer als die Fußballer, die ich aus Deutschland kannte und die im gleichen Jahr mit Udo Jürgens Schlagerlieder sangen zu denen meine Eltern mit den Füßen wippten.
 
Später interessierte ich mich mehr für den Fußball in Argentinien und dessen mitreißenden Protagonisten. Menotti, Valdano, Passarella, Caniggia und natürlich Diego Armando Maradona. Bezaubernder Fußball mit außergewöhnlichem Temperament. Wie muss der Fußball in einem Land gelebt werden, in dem solche Fußballer heranwachsen? Eine Frage, die ausgerechnet ein Bielefelder Fußball-Fotograf mit chilenischen Wurzeln ein für allemal beantwortet. Reinaldo Coddou hat einen Foto-Band über den Fußball in Argentinien veröffentlicht, der seinesgleichen sucht und den man getrost als einen der besten Foto-Bände über Fußball bezeichnen kann, der bisher erschienen ist. In „Buenos Aires – Die Welthauptstadt des Fußballs“ erfahren wir alles über den Fußball in Argentinien und der Titel des Buches übertreibt in keiner Weise. Denn auf jedem Foto Coddous spürt der Betrachter die Ursprünglichkeit des großen Spiels und vor allem die Seele des südamerikanischen Fußballs mit all ihrer Begeisterung, Melancholie und Bedingungslosigkeit. Coddou zeigt uns alles: zum Beispiel die einzigartige Wucht des Bombonera. Zweifellos ist das Bild der Heimstätte der Boca Juniors, vor einer bedrohlichen Weltuntergangs-Kulisse, eines der Highlights des Buches, sagt es doch, dass die Welt zwar jederzeit untergehen kann, aber nicht ohne, dass die Boca-Anhänger vorher für Boca singen. Ein Highlight ohne Frage – aber längst nicht das einzige. Brüchige Tribünen in den unteren Ligen von Buenos Aires, begeisterte aber auch gewaltbereite Fans werden auf phantastischen Bildern ebenso porträtiert wie der Stolz argentinischer Zehner, die fanatische Unterstützung auf den Rängen oder die tradierte Vererbung der Fanliebe an argentinische Kinder – ausgedrückt durch Konfettiregen, entsetzte Gesichter oder hemmungslose Jubelszenen – immer gezeigt durch die besondere Perspektive, die Coddou mit seiner Kamera lebt.
 
Keine Frage – „Buenos Aires – Die Welthauptstadt des Fußballs“ ist ein echter Meilenstein einer Kunst, die so einfach aussieht, aber alles andere als das ist: die Kunst, den Fußball zu fotografieren und ihn dabei so zu zeigen, wie er sich anfühlt. Als ich den Band durchblätterte war ich in Argentinien, bekam eine Idee von der Bedeutung, die Fußball dort hat. Beides übertraf meine Erwartungen und erinnerte mich an Leopoldo Luque, der so ganz anders und viel charismatischer war, als alles was ich kannte, als ich zum ersten Mal mit dem argentinischen Fußball in Berührung kam.
 
Reinaldo Coddou H.
„Buenos Aires – Die Welthauptstadt des Fußballs“
erschienen im Verlag EDITION PANORAMA
24,80 Euro
 
 
 
 






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