02.05.12 | Liga-Kolumne

Erhöre uns!

Letzten Sonntag war ich auf der Kinderkommunion von Evelines Patenkind Max. Harter Tobak ohnehin, denn in Evelines Familie ist Fleisch Gemüse und werden Sahnetorten von epischer Größe gereicht. Harter Tobak ist eine solche Veranstaltung aber erst recht, wenn zeitgleich ein Spieltag der 2. Bundesliga ansteht, Alemannias Konkurrenten gegen den Abstieg spielen und einen Tag später für uns selbst das Abstiegsfinale schlechthin auf dem Plan steht. Klar, dass ich so ziemlich alles, was am Tag der knallharten Familienfeier passiert, mit Alemannia in Verbindung bringe. Was denn sonst?
 
Und das fängt konsequenter Weise schon in der Kirche an, wo ich beim Pfarrer trotz Priesterkutte und Gebetsbuch sogar auf den zweiten Blick eine verblüffende Ähnlichkeit mit Ralf Aussem auszumachen glaube. Der leicht kölsche Akzent in seiner pastoralen Stimme verfestigt den Eindruck nur noch und schon bin ich mitten im heiligen Kommunionssegen dann doch wieder bei Alemannia, beim Karlruher SC und bei Hansa Rostock. Eveline scheint das irgendwie zu merken und montiert mir den rechten Ellenbogen in die Seite. „Verdientermaßen,“ denke ich noch als es plötzlich zu den Fürbitten kommt und ich bei jeder der vorgelesenen sieben Stoßgebete ein eigenes gen Himmel schicke – immer begleitet von Pfarrer Ralf Aussem, der am Ende jeder Bitte seine Arme ausbreitet und leicht vibrierend ein lang gezogenes „ERHÖRE UNS“ ins voll besetzte Kirchenschiff ruft. „Lass heute die Hansa-Kogge untergehen. ERHÖRE UNS!“, „Hänge morgen David Odonkor die Füße richtig rum ein. ERHÖRE UNS!“ oder „Lass die Axt morgen ordentlich die gegnerischen Stürmer wegflexen! ERHÖRE UNS!“. Zugegeben, in den Himmel kommt man für solche Fürbitten wahrscheinlich nicht, aber – hey – auf der anderen Seite: Wer weiß das schon? Vielleicht versteht mich der alte Herr da oben ja auch, entdeckt sein schwarz-gelbes Herz und schenkt David Odonkor für ein einziges Spiel die Füße von Mesut Özil, bei gleichbleibender Geschwindigkeit. Deswegen schäme ich mich auch nicht wirklich dafür, dass ich die Messe für meine Zwecke und für die von Alemannia nutze. In einer Saison, in der es ohne himmlischen Beistand offenbar nicht geht, sollte man sich dafür nun wirklich nicht grämen. Wer will schon in die dritte Liga?
 
Und um auf Nummer Sicher zu gehen, bemühe ich nicht nur die weltlichen Kräfte der katholischen Kirche, sondern versuche mich auch an mythischen Kräften aus ganz anderen Sphären. Denn vor kurzem hat sich meine Blogger-Tätigkeit (www.captain-trikot.de) mal wieder gelohnt und ich bekam von einem Online-Versandhaus eine waschechte Fußball-Voodoo-Puppe geschickt. Ganz groß das Teil! Der Puppe kann man je nach Spiel einen gegnerischen Verein zuordnen, ihn per mitgelieferter Voodoo-Karte direkt an den Plüsch-Kameraden hängen und so die feindlichen Mittelstürmer ein bisschen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken. Das Prinzip ist ebenso alt wie einfach: Man knallt der Voodoo-Puppe die ein oder andere Nadel in die Patella-Sehne des Schussbeins und schon wird das Tore schießen zu schwierigen Übung für jeden noch so erprobten Torjäger. Klingt nicht nur einfach, ist auch einfach – also nadel ich ab sofort für den Rest der Saison jeden Gegner weg. Und der KSC hat heute so ziemlich alle Körperteile zerstochen, die man überhaupt nur zerstechen kann. Jeweils eine Nadel für Dirk Orlishausen direkt in die Oberarme und in beide Hände, Clemens Lavric bekommt seine Nadel volle Kanone ins Gemächt und Marco Terrazzino wird als vielversprechender Youngster vom rechten Auge bis zum großen Onkel verarztet. Das Ganze macht natürlich noch viel mehr Spaß, wenn Carl und Jan dabei sind, die unter großem Getöse ihres Vaters die Nadeln in der Voodoo-Puppe versenken dürfen und so gleich noch den Kader des nächsten Gegners auswendig lernen.
 
Ob das nun Hexerei ist, kann ich nicht sagen. Wenn es hilft, vielleicht. Jedenfalls haben wir bis heute die ganze Woche damit verbracht, den KSC per Hemmungsakkupunktur zu lähmen. Den Rest der Zeit – egal wann, egal wo – schicke ich in leicht pastoraler Art die ein oder andere Fürbitte zum Himmel. Da lasse ich die Jungs erst mal raus, denn ganz save scheint mir diese Nummer nicht zu sein. Aber man will sich ja nicht vorwerfen lassen, nicht wirklich alles versucht zu haben. Erst Recht in einer Zeit, in der Ralf Aussem die Priesterkutte über schmeißt, die Arme ausbreitet und in leicht kölschem kölschen Akzent „ERHÖRE UNS!“ ins Kirchenschiff ruft.
 
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