25.07.11 | Liga-Kolumne

Fallrückzieher und Meisterschaften

Sommerpausen sind grausam. Wochen, in denen kein Fußball läuft sind Zeiten, in denen man verzweifelt und deshalb manchmal verrückte Dinge tut. Da seziert man schon mal gerne die kasachische Nationalmannschaft U-17 Weltmeisterschaft im fernen Mexiko, nur um nicht zu sehr auf Entzug zu sein. Gut zu wissen ist, dass man nicht alleine ist damit , wie die Tatsache zeigt, dass das WM-Halbfinale der U17 nachts um Eins in der Stammkneipe des Vertrauens gezeigt wird – wohlgemerkt an einem Donnerstag Abend. Eine gute Ersatzdroge, die sich garniert durch einen grausamen mexikanischen Fallrückzieher nur noch mehr wie echter Fußball anfühlt.
 
Eine andere Freizeitbeschäftigung während der quälend langen Sommerpause ist es, die ein oder andere Partie der bevorstehenden Saison schon mal vorab auf dem Handy oder der Spielekonsole zu spielen. So natürlich auch bei uns zu Hause. Da kann man dann gleich schon mal austesten, wie Benjamin Auer und Manuel Junglas so gegen die Boca Juniors aus Buenos Aires klar kommen. Und – hey – in der „Bombonera“, dem Stadion Bocas, muss man auch erst mal gewinnen. Klarer Fall, dass so lange gespielt wird, bis der Auswärtssieg standesgemäß feststeht und auch Diego Armando Stehle per Fallrückzieher trifft.
 
Etwas schwerer hat es da schon der eigene Sohnemann, der auf dem langweiligen Weg in den Sommerurlaub an die holländische Küste nur mit dem Handy des alten Herren zu besänftigen ist. Gut – der englische Original-Kommentar auf der Fußball-App nervt seine Mami spätestens ab Heerlen, aber da lässt man nicht mit sich diskutieren. Macht bei Gänsen zu Weihnachten ja auch keinen Sinn. Zwar bin ich ganz sicher, dass ich in spätestens sechs Monaten keine Schnitte mehr gegen den eigenen Nachwuchs habe, wenn wir gegeneinander daddeln, momentan muss der Nachwuchs aber noch viel lernen. Dumme Situation für einen Fünfjährigen, wenn man das ganze Spiel nur deswegen spielt, damit Alemannia gewinnt. Aber so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Schließlich kann man den Spieß ja auch einfach umdrehen, indem man selbst die gegnerische Mannschaft per Touchscreen bedient und so das Schicksal der Alemannia – die vom Computer selbst im höchstmöglichen Schwierigkeitsgrad bedient wird – fest in die Hand nimmt. Und so denkt der Vater auf dem Fahrersitz, dass er rein pädagogisch nicht so viel falsch gemacht haben kann, wenn der Platzhalter stolz nach vorne meldet, dass Alemannia schon zur Halbzeit 9:0 gegen den 1. FC Köln führt und Lukas Podolski in diesem Schlachtfest vier Eigentore fabriziert hat.
 
In meiner Jugend habe ich weder auf dem Handy noch auf irgendeiner Spielekonsole gezockt. Mein Spiel hieß „Football Manager“, lief auf dem Schwarz-weiß-Fernseher und man musste erst einmal einen halben Tag investieren, um die Kader der zweiten Liga per Tastatur in das Spiel zu hämmern. Fallrückzieher gab es in dem Spiel zwar noch keine, aber der neue Deutsche Meister stand meist schon lange vor dem letzten Spieltag fest. Keine Frage, dass Alemannia am Ende der Sommerferien drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte und unangefochten Rekordmeister der Bundesliga war. Der Computer, den ich damals bediente, trug übrigens den Namen Commodore – nicht verwandt und verschwägert mit Frederic Commodore, dem letzten lebenden Alemannen, der in einem Spiel einen Fallrückzieher wagte.
 
Sommerpausen geben Anlass zu überschwänglichen Hoffnungen, lassen träumen von zweistelligen Siegen, sie säuseln von Meisterschaften, Pokalsiegen und Aufstiegen und sie versprechen Fallrückzieher von Neuzugängen mit verrückten Namen. Erst in der Winterpause sieht man ein, dass man vielleicht ein bisschen wild geträumt hat. Sommerpausen sind grausam!
 






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