17.08.10 | Fußballkultur

Hans-Peter Revilo

Es muss 1981 gewesen sein: Die lang ersehnte Klassenfahrt zum Landschulheim in den Binger-Wald stand an. Übermütige Jungs mit voll gepackten Taschen drängten am Buseinstieg Mädchen an die Seite, die besten Plätze waren hinten.
Fußballschuhe hatten wir fast alle eingepackt, sollte doch ein eingezäunter Sandplatz mit echten Toren neben der Herberge auf uns warten. Und tatsächlich fanden wir alles wie angekündigt vor: große Schlafräume, einen Fußballplatz für uns allein und viel Wald drumherum.
Der morgendliche Unterricht ließ sich ertragen mit dem Gefühl im Bauch, nachmittags mit den Kumpels kicken zu können. Manchmal mischte der Klassenlehrer mit, meistens blieben wir aber unter uns. Lediglich das erste pubertär-hormonelle Aufflackern der unschuldigen Jungenseelen brachte uns dazu, die Mädchen durch das großzügige Verteilen von Lutschern zu überreden, unseren stümperhaften Ballstafetten zuzuschauen.
Jugendlicher Übermut führte nach Spielende dann zu einer Übersprunghandlung: Ich schrieb meinem Fußballgott Hans-Peter Briegel eine Ansichtskarte aus dem idyllischen Landschulheim. Vor Aufregung zitterte der Stift, die Freunde säumten den Tisch und gaben Formulierungstipps. Und Verblüffung zeichnete deren Gesichter, als ich die Karte nicht an die Geschäftsstelle des 1. FC Kaiserslautern adressierte, sondern an Briegels Privatanschrift. Er wohnte nämlich in Kindsbach/Pfalz, Heimat meiner Großmutter und weiterer enger Verwandten. Deshalb wurden anstehende Besuche immer auch Pilgerfahrten zum unscheinbaren Wohnhaus meines großen Fußballidols. Nie hatte ich den Mut zu klingeln und den persönlichen Kontakt zu suchen, auch wenn der Mercedes vor der Tür mir die greifbare Anwesenheit des FCK-Stars mehrmals erschreckend deutlich machte. Ich begnügte mich damit, zwischen Kuchen und Abendessen bei Oma vor seinem Haus zu warten, ihn mal aus der Nähe zu sehen. Dazu kam es aber seltsamerweise nie.
Die Karte aus dem Landschulheim adressierte ich direkt an ihn und wünschte im Namen meiner Klassenkameraden alles Gute, meinen Absender vergaß ich nicht. Ich fühlte mich richtig gut, vor allem, als ich tatsächlich seine Original-Autogrammkarte kurz danach zu Hause im Briefkasten fand.
 
Es muss im Jahr 2001 gewesen sein: Ein Pixi-Büchlein fiel mir im Kinderzimmer meines Sohnes in die Hände. ‚Revilo’ - Eine Geschichte über den Fußball und das Leben. War es ein Geschenk? Kaufte es meine Frau? Ich sah es jedenfalls im Kinderzimmerregal zum ersten Mal. Der fußball-kulturellen Sozialisation waren keine Grenzen gesetzt und ich las dem kleinen Hannes, unserem abendlichen Ritual folgend, das überschaubare und schön illustrierte Büchlein vor. Schon nach dem ersten Satz war mir klar, hier wird nicht Revilos Geschichte ‚vom besten Fußballer der Welt’ im entfernten Brasilien erzählt, sondern hier geht es um Hans-Peter. Aus Südamerika wird ‚die Pfalz’ und Brasilien verwandelt sich in ‚Kindsbach’. Konzentriert muss ich lesen, um Vertauschungen und daraus folgende Irrtümer zu vermeiden, denn Dreijährige hören sehr genau zu! Das Lesen trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Systematisch musste ich Orts- und Personennamen schnell austauschen und trotzdem überzeugend und fließend weiterlesen, identische Versionen, Abend für Abend! Es ging immerhin um Schlaf oder nicht Schlaf! Hans-Peter (Revilo) wird als begnadeter Fußballer beschrieben, der in einfachen Verhältnissen lebt. Von der Mutter lernt er das Schreiben, der Vater bringt ihm bei, wie Automotoren repariert werden. ’Wenn er spielte, kamen alle zusammen, um ihn zu bewundern. (…) Es war die Freude und die Schönheit, mit der Revilo [Hans-Peter] spielte’. Den finanziellen Verlockungen der reichen Vereine widersteht er und er bleibt bei seiner Familie und seinen Freunden um einfach nur weiterhin berauschend Fußball spielen zu können. Außerdem ist er der einzige in der Mannschaft, der den Transporter reparieren kann. Unser Hans-Peter-Revilo pflegt in Kindsbach-Brasilien seine Oma, hilft den Eltern, bleibt seinem größten Fan, der Schwester, treu. ‚Er wollte einfach nur Fußball spielen, und das konnte er auch hier im Dorf, mit seinen Freunden.’
 
Viele Abende half uns Hans-Peter beim Einschlafen. Aber nicht nur aus diesem Grund las ich leicht abgewandelt Oliver Wenniges’ Geschichte vor. Pädagogisch wertvoll erstrahlte Hans-Peter als Sinnbild politisch-korrekten Handelns, sozial engagiert, hilfsbereit und die wahren Werte im Leben erkennend. Mein kleiner Zuhörer war begeistert und schlummerte im Glauben an das Gute im Menschen regelmäßig friedlich ein. (Dass Briegel Mitte der 80er nach Verona wechselte, verschwieg meine Geschichte. Aber immerhin wurde er dort italienischer Meister und Fußballer des Jahres 1985. Das war schon was für einen pfälzischen Fußballer!)
 
Das Fußballherz meines Hannes’ schlägt übrigens für Werder Bremen. Sein Lieblingsspieler hieß lange Diego, der 2009 den beschaulichen Verein an der Weser verließ um in Italien das große Geld zu verdienen. Glücklich wurde er dort bis jetzt nicht. Das Leben schreibt eben die schlimmsten Geschichten.
 
Autor: Harald Lutz, der diesen wunderbaren Text an uns schickte weil ihn unser Buch "Nach Vorne!" dazu anspornte. Großer Sport und noch mal besten Dank!






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