21.09.10 | Liga-Kolumne

Hyballa, tu´ der Tsunami rein!

O6 – 9 – 29. Die Koordinaten für mein zweites Jahr im neuen Tivoli lesen sich wie eine geheime Erfolgsformel des Campingplatz-Klassikers Bingo. Tatsächlich sind sie mein zweiter Versuch mit dem neuen Stadion Freundschaft zu schließen. Auf meinem alten Platz hat das nicht so gut geklappt. Darum war das erste Heimspiel gegen Union Berlin auf „O6 – 9 – 29“ eine spannende Angelegenheit. Schließlich war ich mir nicht ganz sicher, was mich erwarten würde. Die Nähe zum Spielfeld, die ich letztes Jahr so bitter vermisst habe, ist nun definitiv da. Manchmal konnte ich bei meinem Debüt sogar eine tief fliegende Blutgrätsche von Nico Herzig kommen hören, wenn ich dazu meine Augen schloss.
 
Eine Sache ist allerdings genau so wie im letzten Jahr und übrigens auch wie in den Jahrzehnten davor (Koordinaten: Würselner Wall, N, links): die hammerkranken Typen neben, über und vor mir. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: „hammerkrank“ möchte ich durchaus als Kompliment verstanden wissen! Denn was man als Alemanne während 90 Minuten so alles um die Ohren gehauen bekommt, ist jedes Mal auf´s Neue wieder eine echte Prüfung – erst Recht am ersten Spieltag.
Unvermeidlich zum Beispiel die Androhung, HIER nicht mehr her kommen zu wollen, wenn es SO weiter geht – wohlgemerkt nach gespielten drei Minuten einer komplett neuen Saison. Aber in Aachen führt ein Fehlpass von Timo Achenbach eben schnell zu einer etwas verfrühten Saisonbilanz. Ähnlich verhält es sich mit der Kritik an einem Spieler, der mir zum Beispiel schon nach einer Viertelstunde neue Saison ziemlich leid tut: Babacar Gueye. Der Mann führt nahtlos die Liste der Spieler an, deren Ballkontakte am Tivoli grundsätzlich von leidendem Raunen begleitet werden – Mario Krohm, Taifour Diane oder Marius Ebbers. Völlig klar, dass der erste Gegentreffer von Union dem Mann aus dem Senegal zweifelsfrei angelastet wurde. „Mensch Hyballa, nimm´ den Gueye raus!“ war der Kommentar des Strategen hinter mir – ungeachtet dessen, dass besagter Gueye beim Gegentor ungefähr 70 Meter vom Tatort entfernt war. Etwas, das ich auch absolut richtig fand, da er ja nun Mal Stürmer ist und eher weniger gegnerische Konter per Herzigscher Grätsche unterbinden soll. Als ich mich genau mit der Überlegung an den Typen hinter mir wandte, beschied der mich, dass ich ganz offenbar nicht sehr viel Ahnung von dem Spiel hätte und daher mal besser nachdenke, bevor ich etwas sage. Aha!
 
Wenigstens waren sonstige Rufe aus meinem neuen Home-Block etwas amüsanter. Mein absolutes Highlight war der Ruf eines Mannes, dessen Bauch schon eine imposante Stadionwurst-Karriere hinter sich hat: „Hyballa, tu´ der Tsunami rein!“ Yep - das machte mir Hoffnung, hatte ich doch gerade gelernt, von dem Spiel auf dem Rasen nichts zu verstehen. Ein Mann, der wie eine Naturkatastrophe heißt – das lässt von großen Siegen träumen, auch wenn ich weiß, dass ein Spielername wie Juvhel Tsoumo für den Aachener an sich eher schwer auszusprechen ist.
 
Als ich am Ende des Union-Spiels nach Hause ging, war ich eigentlich ganz zufrieden mit meinem neuen Leben in Reihe 9 – auch wenn ich sicher noch ein paar Spiele brauchen werde, den Typen hinter mir von den Künsten des Babacar Gueye zu überzeugen. Aber das schaffe ich auch noch!






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