15.11.10 | Liga-Kolumne

Männerabend

Wenn meine Frau ab und zu abends ausgeht, ist Männerabend im Hause Theisen. Männerabend – das bedeutet: Ich bin mit meinen Söhnen Carl und Jan alleine zu Hause und wir machen dann alles, was man halt so macht, wenn keine Frauen in der Nähe sind. Es gibt Fischstäbchen, Backofen-Pommes mit Mayo und dazu eiskalte Fanta. Die Küche bleibt nach dem Kochen unaufgeräumt und im Fernsehen – klar – läuft an Männerabenden nur eins durch die Röhre: Fußball – egal wer gegen wen! Was meine Frau nicht weiß, sich aber wahrscheinlich denkt, ist: Die Jungs dürfen aufbleiben und das Spiel des Abends so lange gucken, bis ihr Papa sagt, dass es genug ist. Und das ist immer genau zwanzig Minuten bevor die Frau des Hauses ihre Rückkehr angekündigt hat. Man will ja keinen Ehestreit riskieren. Das hat sich bewährt und am nächsten Morgen – das ist die klare Abmachung unter uns Männern – hält jeder von uns gepflegt die Klappe, wenn jemand nachfragt, wie es gestern Abend war.
 
Einen Haken hat die Sache allerdings: Meist schaffen wir das Ganze nicht komplett bis zum Schlusspfiff. Die Chefin kommt einfach oft zu früh nach Hause. Das Dumme: Unklarheiten in Sachen Endergebnis. Und hey, wenn man sich schon die halbe Nacht um die Ohren schlägt, um Europa League oder zweite Liga zu sehen, dann muss man ja wohl mindestens wissen, wie es ausgegangen ist. Als Bilderbuch-Männer, die wir nun mal sind, haben wir aber auch auf diese Frage des Alltags eine klare Antwort gefunden und eines dieser Rituale ins Leben gerufen, die es wahrscheinlich nur zwischen Vater und Sohn gibt. Jeden Morgen, bevor ich zur Arbeit fahre, male ich den Beiden mit ihren Buntstiften ein Ergebnis-Bild. Gezielt greife ich in die Alemannia-Kaffeetasse, in der die Stifte stecken und schwinge gekonnt die Hand zum Resultaten-Kunstwerk. Darauf stehen immer zwei Spieler – einer mit lachendem Gesicht, einer mit weinendem. Und natürlich kann man beide anhand ihrer Trikots locker auseinanderhalten. Klar, dass ich mir beim Alemannia-Trikot immer ein bisschen mehr Mühe gebe als etwa beim Trikot des FC Bayern München oder dem von Erzgebirge Aue. Egal – seit der WM in Südafrika sind wir mit diesem Ritual blendend gefahren. Unter die Spieler schreibe ich das Endergebnis klar und unmissverständlich auf und sorge damit für Klarheit in der Familie.
 
Und natürlich läuft das Alles nicht nur nach diesem Prinzip ab, wenn wir Männerabend haben, sondern auch, wenn Alemannia unter Flutlicht spielt und ich zu spät nach Hause komme, um das Ergebnis mündlich zu überliefern. Auch hier gehe ich gewohnt routiniert ans Werk.
 
Nur vor kurzem, als Alemannia in einem berauschenden Kick nicht nur Mainz 05 aus dem Pokal geknallt, sondern noch ganz nebenbei ein komplettes Stadion wachgeküsst hatte – da stand ich vor einem echten Problem. Ich fand einfach nicht den passenden Stift, als ich Alemannias Trikot malen wollte. So sehr ich auch suchte: Da war einfach kein Textmarker drin! Und da fiel es mir erst auf – zu euphorisiert war ich während der gesamten Rückfahrt noch gewesen: Alemannia hatte an diesem so historischen Abend in Trikots gespielt, vor denen selbst Nina Hagen und Lady Gaga Reißaus genommen hätte. Neon-gelb ist gar kein Ausdruck für das, was die Jungs um Marco Höger und Benjamin Auer sich da um die Hüften schnallen mussten. Mal ehrlich: Die Dinger leuchteten dermaßen grell da unten vom Tivoli, dass für andere außerirdischen Lebensformen, ab sofort völlig klar sein muss, dass es in unserem Sonnensystem weitere Lebewesen geben muss. Und das Beste ist: Wie ich vor kurzem aus einwandfrei sichererer Quelle erfuhr, wollte unser Sportdirektor, die Dinger ursprünglich in orange haben. Also – ich verzeihe Erik Meijer ja wirklich viel. Aber Trikots in neon-oranje – da hat der Spaß ein Loch! Und am Würstchenstand wählen wir dann nicht mehr zwischen Brat- und Bockwurst, sondern zwischen Fla und Gouda, oder wie?
 
Wie auch immer – ich habe an dem Abend das Problem trotzdem gelöst und die Trikots in normalen gelb gemalt. Die Jungs sollen ja nicht gleich einen Schreck bekommen, bevor sie sich ihr Nutella-Brot schmieren. Außerdem kann ich denen ja auch schlecht erzählen, dass ausgerechnet unser Verein in Farben über den Platz läuft, die in anderen Stadien höchstens die Ordner umschnallen. Und eines sage ich gleich: Wenn wir in der nächsten Runde gegen Frankfurt wieder in den Teilen spielen, dann gibt es eine klare Ansage an ihre Mami: Die Kinder gehören heute Punkt acht Uhr ins Bett. Und zwar ohne Diskussion!
 
 
 
Diese Kolumne erscheint regelmäßig im Tivoli Echo der wunderbaren Alemannia aus Aachen.






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