30.04.11 | Liga-Kolumne

Neulich auf dem Holodeck

Letzten Donnerstag habe ich das Holodeck erfunden. Seitdem hat mein Leben deutlich Fahrt aufgenommen und ich schreibe die komplette Fußballgeschichte um. Egal ob ich als Toni Schumacher 1986 den Azteca gegen Burruchaga halte, vier Jahre vorher als Jupp Derwall bei den Aufnahmen zu „Olé Espana“ ein Malöhrchen mit Lena Valaitis anfange oder 1978 in Cordoba Hans Krankl in der dritten Minute über die Bande trete – die Ideen gehen mir nicht aus. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings am alten Tivoli. Von dessen Rängen treffe ich sie alle noch einmal wieder, die Delzepichs, die Krohms oder die Landgrafs. Und ganz nebenbei erfinde ich auch die Geschichte der Alemannia neu: Deutscher Rekordmeister, mehrfacher Europapokalsieger und jährlich das Pokalfinale in Berlin – ganz großes Kino dieses Holodeck.
 
Nur vor kurzem hat sich das Ganze irgendwie verselbständigt. Es ging um meinen ersten Profi-Vertrag bei Alemannia, dem Verein für den die Besten für wenig Geld spielen, um ein Mal unter Peter Hyballa trainieren zu dürfen, jener Hyballa, der mich im KICKER als „den komplettesten Fußballer überhaupt“ bezeichnet hatte. Erik Meijer redete also nicht um den heißen Brei. Schon am Telefon hatte er mir gesagt, dass ich unbedingt zur Alemannia kommen solle, schließlich würde ich genau in sein Konzept passen, was stimmte. Denn kurz vor dem Anruf hatte die Gazetten nach meinem Siegtor im spanischen Pokalfinale getitelt „Keiner frisst so viel Gras wie Sascha Theisen!“ Kein Wunder also, dass der Rekordmeister mich zu Vertragsgesprächen an die frühere Krefelder Straße, die mittlerweile Mario-Krohm-Alleé hieß, einlud. Ganz allein saßen wir in seinem Büro in orangen Ledersesseln, bestellten eine Runde Fla bei seiner drallen Assistentin Mareijke und begannen zu plaudern – klarer Fall von taktischer Gesprächsführung. „Sascha, wie ist Dein Eindrück von die Alemannia?“, fragte der Manager in typisch holländischem Akzent und prostete mir zu, was mit einem Glas Vanilla Fla reichlich seltsam aussah. Ich hinterfragte es nicht und konzentrierte mich auf die Antwort. „Nun gut, Erik. Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne für die Alemannia spielen würde. Allerdings habe ich zwei Probleme“, antwortete ich betont gelassen, um ja nicht in eine schlechte Verhandlungsposition zu geraten. „Kannst Du mich die verraten?“, antwortete Meijer und spielte so den Ball schnell wieder zurück. „Nun ja: Auf die neon-orangen Pokal-Trikots komme ich so gar nicht klar und Euer Trainer ist zwar ein ausgewiesener Steckpass-Experte, aber der könnte mein Sohn sein“, antwortete ich.
 
Das Gespräch nahm seinen Lauf, Erik ließ bei den Trikots nicht mit sich reden, überspielte den Altersunterschied zu Hyballa und nach einer guten Stunde sowie einem weiteren Tablett Fla von Mareijke kam Peter Hyballa dazu. Klar, wenn ein spielerisches Schwergewicht wie ich zu Verhandlungen kommt, dann ließ sich auch der Trainer nicht lumpen. „Junge! Ich baue eine neue Mannschaft auf und Du sollst der Anführer der neuen Truppe werden!“. Hyballa redete gestenreich auf mich ein und für einen Trainer, der gerade erst zum neunten Mal Deutscher Meister geworden war, bat er mich fast schon ein bisschen unter Wert das Zepter in seiner Truppe zu schwingen. Auf die Frage, auf welcher Position er mich denn sehen würde, gab er mir gleich noch eine Stammplatzgarantie für die Position hinter den Spitzen, garniert mit der Zusage mich nicht mit Defensivaufgaben belasten zu müssen. Das hörte sich alles gut an und als ich mich mit Erik Meijer per Handschlag gleich noch auf ein Salär einigte, das sogar meine Urenkel von jeglicher Form der geistigen oder körperlichen Arbeit befreite, war klar: Sascha Theisen würde das Trikot von Alemannia Aachen spazieren tragen.
 
Die anschließende Pressekonferenz sprengte jede Dimension. Mediendirektor Thorsten Pracht begrüßte die Medienvertreter aus nicht weniger als 300 Ländern weltweit und vor den Toren des Tivoli drängten sich kreischende Teenager – bis plötzlich das Holodeck anfing, bedenklich zu dampfen und zu knarzen. Es knallte und plötzlich fand ich mich wieder in der biederen Wirklichkeit meines Fußballkellers, zwar auch im Trikot der Alemannia – das hatte ich mir allerdings im Fanshop der Alemannia für knapp 60 Knaller gekauft und im Fernsehen brach gerade die 70. Minute im Spiel gegen Wismut Aue an. Wird Zeit, dass ich das Holodeck repariere.






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