27.08.08 | Torwort
Ronny Blaschke im Gespräch
Der Berliner Autor Ronny Blaschke hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. „Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball“ ist eine Auseinandersetzung mit der hässlichen Seite des Fußballs – schon heute ein Standardwerk und von der Akademie für Fußballkultur zu Recht zum Fußballbuch des Jahres 2007 gekürt. Am 4. September ist Ronny Blaschke zu Gast bei TORWORT in der Kölner Hammond Bar. Wir befragten ihn zu den Inhalten seines Buches.
TORWORT: Du beschäftigst Dich schon länger mit Thema Gewalt im Fußball. Wie kommst Du dazu? Eigene Erfahrung oder schlichte Beobachtung der Szene?
Ronny Blaschke: Ich selbst stand in meiner Jugend, Mitte der neunziger Jahre, beim FC Hansa Rostock in der Kurve. Es war keine ganz einfache Zeit. Ich erinnere mich an die Spiele gegen St. Pauli, nach denen man froh sein konnte, wenn man das Stadion wieder gesund verließ. Es kam damals oft vor, dass Freunde und ich von gegnerischen Fans durch die Straßen gejagt wurden. Auch die Urwaldlaute gegenüber farbigen Spielern des Gegners gehörten für viele dazu. Das war einer der Gründe, warum meine Zeit im Fanblock relativ schnell wieder vorbei war. Damals ist aber bei mir das Interesse an Fankulturen entstanden, später in meinem Sportstudium ist es weiter gewachsen. Doch die derzeitige Perspektive des Journalisten gefällt mir am besten, weil ich mit nahezu allen Vertretern in Kontakt komme.
TORWORT: Du hast für das Buch mit Journalisten, Fanvertretern, Hooligans und Polizisten über Gewalt und Rassismus im Fußball gesprochen. Wie äußern sich die unterschiedlichen Blickwinkel der beteiligten Gruppen?
Ronny Blaschke: Es war nicht mein Ziel, Monate lang in eine Fan- oder Hooliganszene „abzutauchen“, das hat es dutzendfach gegeben. Es ging mir nicht um die bloße Schilderung von Gewalt. Wichtig war mir die Einordnung der Gewalt, vor politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Hintergründen. Ich habe während der Recherchen die Erfahrungen gemacht, dass vor allem diejenigen Gesprächspartner mir am besten helfen konnten, die nicht irgendwelchen strengen Hierarchien unterlegen sind. Fanarbeiter oder Aktivisten sprechen frei von Eitelkeit und Hintergedanken, Funktionäre, Polizisten und Politiker reden in der Regel viel, ohne etwas zu sagen. Ausnahmen gibt es natürlich auch.
TORWORT: Wenn es um negative Begleiterscheinungen des Fußballs geht, heißt es oft: „Fußball ist nur ein Ausdruck der Gesellschaft allgemein“. Ist das so oder hat Gewalt im Fußball seine ganz eigene Kultur, die man nur dort antrifft?
Ronny Blaschke: Die Rede vom „Spiegelbild des Gesellschaft“ kann ich nicht mehr hören, das hat irgendwann mal jemand in die Welt gesetzt, und seitdem wird es munter nachgeplappert. Im Fußball wird nicht die Gesellschaft gespiegelt, weil in den Stadien weniger Frauen, Kinder und Migranten zu sehen sind. Wenn man die Bildsprache nutzen möchte, dann würde sich eher ein Zerrspiegel oder ein Brennglas anbieten. Außerdem denke ich nicht, dass Jugendliche am Kaffeetisch bei Oma oder im Arbeitsalltag ähnlich abfällig über Schwule oder Farbige schimpfen wie auf den Tribünen, wo sie in der Masse mitschwimmen können.
TORWORT: Seit dem Bau der neuen Stadien und der Entwicklung des Spiels zum Family-Event sind Hooligans nicht mehr wirklich in der Bundesliga zu Gast, sondern eher bei unterklassigen Vereinen anzutreffen. Wird das aus Deiner Sicht so bleiben oder glaubst Du, dass das Problem auch in die Bundesliga zurückkehrt? Etwa wie in Italien?
Ronny Blaschke: Wer von „italienischen Verhältnissen“ spricht, verkennt die Tatsache, dass unsere Gesellschaft mit der italienischen kaum verglichen werden kann. Ich glaube, dass der Hooliganismus nicht in die großen deutschen Stadien zurückkehren wird. Zu ausgefeilt sind inzwischen Stadionsicherheit und Fanarbeit in den Profiligen. Die große Herausforderung liegt eher darin, die Ehrenämter der kleinen Amateurklubs vorzubereiten. Gerade dort versuchen vor allem rechte Kräfte auf Stimmenfang zu gehen.
TORWORT: Gibt es ein Spiel, dass Du aus Sicherheitsgründen lieber nicht besuchen würdest?
Ronny Blaschke: Wer gewisse Regeln befolgt, hat eigentlich wenig zu befürchten. Heikel ist es besonders in Buenos Aires. Neben dem Superclásico zwischen Boca Juniors und River Plate elektrisiert eine andere Begegnung die Massen. Independiente und Racing stammen aus demselben Stadtteil. Ihre Stadien in Avellaneda liegen nur wenige hundert Meter auseinander. Heißblütig geht es auch in Rosario zu, das nördlich der Hauptstadt liegt. Experten halten dort das Stadtderby zwischen den Newell’s Old Boys und Central für die gefährlichste Partie in ganz Südamerika. Überzeugen konnte ich mich davon noch nicht.
Ronny Blaschke bei TORWORT
4. September, Hammond Bar, Köln (Südstadt)
Karten unter tor@torwort.de oder info@thearter.de
...oder direkt an der Abendkasse.

