07.02.11 | Liga-Kolumne

Schnappatmung wegen Alan Jepsen

Als Benny Auer den Elfmeter gegen Frankfurt versenkt hatte, brauchte ich erst Mal ein paar Minuten, bis das Hämmern im Kopf aufhörte und ich wieder an feste Nahrung denken konnte. Devise: Erst mal sammeln, tief durchatmen und dann der notorische Griff zum Mobilfunkgerät, das gerade in der Hosentasche erfolgreich die weitere Familienplanung per Direktverstrahlung zerstörte. Egal – das Handy hilft in solchen Momenten, wenn man Nichtraucher ist wie ich. Zumal das bestens vertraute Display gleich mal schmale sechszehn SMS meldete. Sechszehn SMS, die thematisch ziemlich komplett aufgestellt waren. Da war alles dabei – vom pathetischen Glückwunsch zum Sieg über beißenden Spot zu den Textmarker-Trikots bis hin zu den besten Wünschen für das Viertelfinale.
 
Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Leute an mich denken, wenn Alemannia gewinnt oder untergeht. Familie, Freunde, Arbeitskollegen – klar! Aber selbst längst aus den Augen verlorene Schulfreunde, dahingegangene Romanzen oder flüchtige Bekanntschaften melden sich plötzlich mit Alemannia-Sympathie-Bekundungen – sei es per Kurznachricht auf´s Handy, per E-Mail oder Facebook am nächsten Tag. Und das nur weil Benny Auer einen Elfmeter verwandelt. Aber hey – ich will mich auch gar nicht beschweren. Ich mag das! Fußball ist auch deswegen geil, weil es immer und überall mediale Hinweise auf das Spiel der eigenen Mannschaft gibt. Und die erinnern alte Weggefährten oder verflossene Affären daran, dass irgendwo da draußen noch ein Sascha Theisen sitzt, den diese Fußball-Meldung betrifft. Es tröstet mich ein bisschen, dass meine ehemals große Liebe, die sich einst niederträchtig von mir trennte, noch heute immer mit der Nase auf mich und meine Existenz gestoßen wird, wenn Abends in den Tagesthemen, kurz vor dem Wetter, die Ergebnisse der zweiten Liga verkündet werden.
 
Mein absolutes Highlight ist aber mein dänischer Arbeitskollege Jesper, selbst Fan des FC Kopenhagen. Irgendwann nach einem beruflichen Termin, für den er aus Kopenhagen nach Deutschland kam, saßen wir Abends bei Unmengen deutschem Bier und dänischem Schnaps zusammen und redeten viel Unsinn – den meisten natürlich über Fußball. Ich lernte in dieser Nacht, die am nächsten Morgen viel zu früh mit dem neuen Arbeitstag endete, dänische Fußball-Lieder, die alle mit Haut und Haaren dem FC Kopenhagen verschrieben waren. Jesper selbst kam natürlich nicht davon, ohne die wichtigsten Alemannia-Songs auswendig gelernt zu haben. Dass er kein Deutsch und ich kein Dänisch sprechen, war weder ein Hindernis für mich noch für ihn. In nahezu akzentfreiem Deutsch sang er lauthals von Delzepich-Eis und von Frauen, die ihm einen Sohn gebären sollten, der einmal für Alemannia spielen würde – dudey, dudey. Lieder, die Eindruck hinterlassen haben. Denn seit jener Nacht schließt jede E-Mail, die ich von Jesper aus Dänemark bekomme, mit den Worten „All the best for Aachen!“ Und als er in der vergangenen Saison erfuhr, dass sein Beinah-Namensvetter und Landsmann Alan Jepsen seine Schuhe für uns schnürte, bekam er regelrecht Schnappatmung, hatte er doch einst selbst in der Jugend gegen den Mann gespielt, der nun für Aachen – unser Aachen – spielte.
 
Vor dem Pokalkracher gegen die Eintracht verging der Tag natürlich nicht ohne die obligatorische E-Mail aus Dänemark, in der der dänische Alemanne uns das Beste wünschte, um vielleicht im nächsten Jahr den Euro-League Kracher FCK gegen Alemannia mit deutschem Bier und dänischen Schnaps zu zelebrieren. Es ist es gut zu wissen, dass dort in Skandinavien jemand sitzt, der Alemannia die Daumen drückt. Und so ist der Griff in die Hosentasche rechts neben der Familienplanung nach einem Spiel immer ein lohnender. Denn da draußen denken eine Menge Leute an mich – nicht weil ich so ein toller Hecht wäre oder weil zig Frauen einen so tollen Hengst wie mich nicht vergessen könnten – nein, einfach nur, weil Benny Auer einen Elfmeter versenkt hat.
 






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