13.05.10 | Liga-Kolumne

Schulterblick

Dieter Krebs hat einmal gesagt „Was Krupp in Essen, bin ich im Trinken!“ – ein denkwürdiger Vergleich des trinkfesten und großen Schauspielers. Manchmal sind es die knappen Sätze, die die Dinge auf den Punkt bringen. Manchmal braucht es aber auch ein paar Worte mehr – etwa was diese Alemannia-Saison betrifft. Eine Saison, in der es viele Alemannen schwer hatten sich zu Recht zu finden – mich inbegriffen.
 
Ein Grund dafür: das neue Stadion, zu dem ich leider noch nicht wirklich eine emotionale Bindung aufbauen konnte. Der beiläufige Schulterblick zum altehrwürdigen Tivoli auf dem Weg zum neuen ist nach wie vor mein ständiger Begleiter am Spieltag, wenn es die Krefelder runter geht. Ein Blick, den ich übrigens nicht nur bei mir, sondern bei erstaunlich vielen Alemannen beobachte, die vor, hinter oder neben mir trotz der einen oder anderen Pleite weiterhin zur Alemannia gehen.
 
Schon die erste Begegnung fühlte sich in etwa so schmerzhaft an, wie der kühle Blick von Anke Düppengießer damals in der vierten Klasse, als ich vergeblich versuchte, ihr mit einem Fritt-Kaustreifen den ersten Wangenkuss abzuluchsen. Wie betäubt war ich von den massigen Betonrängen als ich sie vor dem Pauli-Desaster erstmals traf und so richtig erholt habe ich mich bis heute noch nicht davon. Klar – so schlecht ist das neue Stadion nicht. Laut, steil und nah dran. Aber trotzdem ist es immer noch schwer, dort endlich anzukommen. Und wie mir scheint es vielen zu gehen. Zu sehr sind wir alle im neuen Stadion auf der Suche nach uns selbst. Eine ausgemachte Identitätskrise nennt man das wohl.
 
Johannes Rau wurde einmal gefragt, warum Stadien keine Frauennamen trügen. Raus Antwort: „Wie soll das denn dann heißen? Ernst-Kuzorra- seine-Frau-ihr-Stadion?“ Stadien und ihre Namen geben Vereinen und deren Fans schon mal das erste Maß an Identifikation. Warum? Sie sind schlicht die Orte, an denen das große Spiel stattfindet und vor allem sein erstes Mal – und bei uns war das nun mal der Tivoli – darin vergisst man nicht. Den Gegner, die Torschützen – ja, von mir aus auch das Ergebnis. Aber den Ort an dem es stattfand, den vergisst man nicht. Der brennt sich ein. Das ist wie mit dem ersten Kuss und Anke Düppengießer. Das Mädchen vergisst Du, auch was heute aus ihr geworden ist. Aber, dass es hinter dem Schützenfestzelt in Golzheim war – das weißt Du noch. Und das streifst Du so schnell auch nicht ab. Das ist aber auch nicht weiter schlimm.
 
Aber es gibt ja Hoffnung. Denn manchmal in dieser Saison sprang der Funke über. In der Endphase gegen Rostock zum Beispiel, gegen Bielefeld oder gegen Cottbus. Momente, in denen man sich daran erinnerte, dass es ja weiterhin Alemannia ist, die da unten spielt. Und ganz vielleicht sind ja die momentanen griechischen Verhältnisse an der Krefelder auch eine Chance, im nächsten Jahr mit einer jungen Mannschaft dem Publikum wieder ein bisschen Identifikation zurückzugeben. Denn eines ist klar: Eine Wahl haben wir sowieso nicht! Denn was Krupp für Essen und Dieter Krebs im Trinken, das ist Alemannia für mich. Und irgendwann – da bin ich sicher – verschwindet auch der Schulterblick. Vielleicht noch nicht heute, aber vielleicht morgen. Und wenn ich so darüber nachdenke, freue ich mich fast schon darauf.
 
PS: Mein Glückwunsch geht an Benny Auer und die 13-jährige Caroline Niehus – zwei echte Alemannen, auch nächstes Jahr.






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