01.11.10 | Liga-Kolumne

Tageskarte, sechs Mark

Am letzten Wochenende war ich mit meiner Familie auf einem Trödelmarkt. Ich mag es auf Trödelmärkte zu gehen, auch wenn die nicht mehr wirklich das sind, was sie einmal waren. Windige osteuropäische Schwerverbrecher verkaufen bunte Handygehäuse zu völlig überteuerten Preisen und scheinen auch noch Erfolg damit zu haben. Eigentlich kein wirklich schönes Ambiente - der einzige Grund, warum ich trotzdem immer wieder gerne hingehe, sind Trödler, die ihren Hausrat auf Tapeziertischen anbieten und froh sind, wenn jemand ihren Kram für eine schmale Mark mitnimmt. Klar, dass ich auf der Jagd bin nach allem, was auch nur ansatzweise nach Fußballhistorie aussieht. Und da ist absolut nichts sicher vor mir – Aschenbecher in Fußballform nehme ich genauso mit Kusshand wie alte Schallplatten von Jimmy Hartwig („Mama Calypso“ – Hammersong) oder Kevin Keegan („Head over heels – absolut in einer Liga mit „Mama Calypso“).
 
Meine jüngste Errungenschaft feierte ich fast mit einer spektakulären Flugrolle: ein Original Pilsglas von 1970 mit den Konterfeis der deutschen WM Mannschaft um Uwe Seeler, Sepp Maier und Karl Heinz Schnellinger darauf – für schlappe zwei Euro. He – ohne Quatsch: Dafür hätte ich glatt einen Schein gezückt! Ganz großes Tennis! Beinahe überschwänglich halte ich dann meine Eins-A-Schnäppchen direkt unter die hübsche Nase meiner Frau. Ein bisschen mitleidig nickt sie dann immer mit dem Kopf und sagt mir netterweise nicht, was sie gerade denkt über diesen erwachsenen Mann, der vor ihren und seinen Kindern euphorisch den Kauf eines vierzig Jahre alten Bierglases feiert. Sei´s drum: Alte WM-Bücher aus den 70ern, in denen die schottische Legende Kenny Dalglish Karten mit seinen Mannschaftskameraden spielt und dabei Whiskey trinkt, alte KICKER-Ausgaben in denen ich die Spielnoten von Jo Montanes und Wayne Thomas studiere und gemeinsam mit Carl auswendig lerne oder alte Eintrittskarten, die von mittlerweile längst insolventen Biermarken gesponsert wurden – keine Frage: All das macht eigentlich triste Sonntage zu echten Knallertagen.
 
Vor allem wenn ich mir die Eintrittskarten aus längst vergangenen Tagen anschaue, reise ich ein bisschen durch meine eigene Fußball-Vergangenheit. Alemannia gegen Wattenscheid 09, gegen Fortuna Köln oder eben gegen den VfL Osnabrück – alles dabei. Tageskarte hieß das damals noch – Tageskarte, Würselner Wall, 6,- Mark. Auch andere Eintrittskarten und ihr Aufdruck sind Zeugnisse längst vergangener Tage: der Eintrag „Plaatsbewijs 1989/90“ ist der Beweis für eine echte Mutprobe, damals als Fußballreisen in die Niederlande – vor allem nach Eindhoven – eher etwas für echte Danger-Seeker waren. Aber auch die 10 Pfennig für die Sporthilfe, die im Düsseldorfer Rheinstadion gleich mit dabei waren, sind eine schöne Erinnerung, ebenso wie die Karte für Jugendliche und Schwerbehinderte im Ulrich-Haberland-Stadion oder der direkte Gruß „Prost Hennings. Spaß mit Sport Hoechst“ aus dem Frankfurter Waldstadion. Ob wohl die wilden Zeiten endgültig hinter mir liegen? Ich weiß es nicht.
 
Jedenfalls finde ich es ein bisschen schade, dass ich den ganzen Kram am Ende nur noch auf diesen osteuropäischen Umschlagplätzen, die sich als Trödelmärkte tarnen, finde. Denn bekanntlich sollte man nicht zu sehr in der Vergangenheit leben. Trotzdem: Als ich zuletzt beim Ticket-Shop der Alemannia anrief, um meine Karte für das Pokalspiel gegen Mainz 05 zu ordern und eigentlich mit den üblichen Problemen dabei rechnete, war ich echt überrascht. Denn die nette Dame am anderen Ende der Leitung meinte schlicht: „Kein Problem, Herr Theisen – wir buchen Ihnen das Spiel gleich auf Ihre Dauerkarte.“ Nur zum Verständnis: Meine Dauerkarte ist eine Scheckkarte, die genauso in meine Portemonnaie passt, wie meine Krankenversicherungskarte oder mein ADAC-Mitgliedsausweis.
 
Da konnte die Frau auch nichts dafür und zugegeben, wenn ich meine Bratwurst vor dem Spiel damit bezahle, ist das auch manchmal praktisch. Nur – mal ehrlich: Richtige Eintrittskarten sehen anders aus. Wer mal eine sehen will, der sollte Sonntags auf einen Trödelmarkt gehen, da wo es Biergläser für zwei Euro gibt, die vierzig Jahre auf dem Buckel haben.
 
"Immer wieder TSV" erscheint regelmäßig im Tivoli-Echo, dem Stadionheft der großartigen Alemannia aus Aachen.






Blog Archiv

25.11.14 | Fußballkultur

Die neuen Helden – TORWORT Vater Theisen im Gespräch mit sich selbst

mehr...

09.09.14 | Liga-Kolumne

Die Magie der Tageskarten

mehr...

13.08.14 | Fußballkultur

Der Pass ist immer modern

mehr...

12.06.14 | Fußballkultur

Die Besten aller Zeiten

mehr...

26.05.14 | Liga-Kolumne

Vielleicht! Wie immer vielleicht!

mehr...

02.04.14 | Liga-Kolumne

Mitleid de Luxe

mehr...

27.03.14 | Liga-Kolumne

Meine Nacht als Guardiola

mehr...

21.11.13 | Fußballkultur

Offizielle Buchpräsentation "WM-Helden" am 9. Dezember in der Hammond Bar

mehr...

28.10.13 | Fußballkultur

WM-Helden – das neue Buch von TORWORT Vater Theisen

mehr...

20.08.13 | Liga-Kolumne

Ein schöner Ausflug

mehr...

News 1 bis 10 von 153

1

2

3

4

5

6

7

vor >

-->