17.03.10 | Liga-Kolumne

Tivoli Echo-Kolumne: Heimstärke

Immer wenn ich am Spieltag von meinem Parkplatz in Richtung Stadion gehe, ertappe ich mich dabei, wie ich verstohlen zum alten Tivoli mit seinen Flutlichtmasten und den alten Kassenhäuschen rüber schaue und versonnen an die Schlachten darin zurückdenke. An Zeiten, in denen Alemannia zwar auch nicht immer gut, aber vor allem eines war: heimstark! Das hatte viele Gründe: Einer hatte weniger mit dem Stadion, als vielmehr mit mir selbst zu tun. So war die Wahl der richtigen Stadionwurst nicht selten spielentscheidend.
 
Die erste brisante Frage am Spieltag wurde schon im Auto kontrovers diskutiert: „Brat- oder Bockwurst?“ Meist von hinten nach vorne, also von der Rückbank in die Fahrerposition, gestellt. Egal, wer der erste war, der sich zu fragen traute – wichtig war, dass es möglichst beiläufig klang. Klar, an der Antwort hing – und das glaubten wir fest –Sieg oder Niederlage der Alemannia. Denn wer beim trostlosen 0:0 vor zwei Wochen eine Bockwurst gegessen hatte, konnte natürlich nicht erneut eine Bockwurst an der Würstchenbude vor dem Würselner Wall bestellen. Andererseits hatte es bei Bratwurst und ähnlicher Witterung auch schon mal eine bittere Niederlage gegeben – damals vor dreieinhalb Jahren. Wer wollte das schon riskieren? Eine schwierige Entscheidung also und genügend Gesprächsstoff für die Autofahrt– mindestens bis zum Parkplatz.
 
Doch wie kontrovers es auch zur Sache ging, die Entscheidung fiel letztlich einstimmig und wurde von allen getragen. Denn viel zu groß war die Vorfreude auf das Ritual, die Stadionwurst endlich zu verhaften. Dann, wenn jeder Biss regelrecht zelebriert und in den kurzen Esspausen die Aufstellung für die kommenden 90 Minuten zerlegt wurde – die Stadionzeitung in der rechten Gesäßtasche geparkt. Erst danach war der Weg zu den Rängen überwindbar, konnte man dem Spielfeld, das sich mit jeder Stufe hinauf ein bisschen mehr offenbarte, ins Auge sehen, war man für große Nachmittage oder Flutlicht-Abende bereit.
 
Dieses Ritual ist ein bisschen abhanden gekommen – wie so vieles im neuen Stadion. Und manchmal wälze ich mich in Selbstmitleid deswegen. Dabei gibt es Brat- und Bockwürste im neuen Stadion genauso wie im alten. Klar, nicht mehr an so wunderbar alten Buden und auch nicht mehr für Bares, aber – hey – es gibt sie nach wie vor. Aber weder ich noch die Jungs diskutieren darüber, welche gewinnt. Das muss ein Ende haben. Gegen Düsseldorf habe ich eine Bratwurst gegessen, gegen Lautern auch und auch damals gegen Pauli. Verdammte Hacke – wieso komme ich eigentlich erst jetzt darauf? Ich hab´s versaut! Ich habe die ganze verkackte Saison auf dem Gewissen. Aber damit ist jetzt Schluss! Heute ist eine Bockwurst an der Reihe – mit Senf. Das Stadionheft stecke ich in die rechte Gesäßtasche – nicht in die linke. Und Arminia? Die können nach Hause fahren! Denn am Tivoli ist ab sofort nichts mehr zu holen! Wir haben unsere Heimstärke zurück! Wir essen wieder die richtigen Würste!
 
Autor: Sascha Theisen (Alemanne)
Diese Kolumne ist eine Kooperation mit Alemannia Aachen.
Der Text ist auch im Tivoli-Echo und auf www.alemannia-aachen.de erschienen.






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