27.10.10 | Liga-Kolumne

Tränen lügen nicht

DFB-Pokal ist geil – gerade in Aachen! Einzigartige Momente sind mit diesem hässlichen Pott verbunden – orgastische Jubelstürme genauso wie tragische Nackenschläge. Ich erinnere mich an Mannheimer Ballwürfe, an einen zornigen Dieter Burdenski und an einen Erik Meijer, der mit dem Trikot über den Kopf im Halbkreis über den Tivoli-Rasen rannte, um ein ganzes Stadion auf eine komplett andere Umlaufbahn zu schießen. Und dann denke ich an George Mbwando. An den Mann, der bereits im Halbfinale 2005 mit einer Volleyball-Einlage ganz Heerscharen von niederrheinischen Landwirten in pure Aufregung versetzte. Mbwando spielte zwei Jahre am Aachener Tivoli – zwei schwere Jahre für ihn. Denn mal ehrlich: Leicht hatte er es nicht. Nicht selten wälzte sich ein ungeduldiges Raunen durch die edlen Planken des alten Tivoli, wenn er das Leder mal wieder lässig vertändelte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kollege schwer unter dem Liebesentzug litt. Ich weiß nicht, wie oft ich den Ruf „Tu den EMWAAAndo raus!“ mit anhören musste – ein Satz an den ich heute noch oft denken muss, wenn der Typ hinter mir mal wieder Babacar Gueye auf dem Kieker hat.
 
Und wenn ich an Mbwando denke und an den DFB-Pokal, dann denke ich natürlich an diesen furiosen Samstag in Berlin als sich das Verhältnis zwischen George und seinem Publikum ein für allemal änderte.
 
Schon Stunden vor Spielbeginn war die Kurve rund um das Marathontor in Berlin bis fast auf den letzten Platz gefüllt. Im Anschluss an das Damen-Finale wurde der FFC Turbine Potsdam im Rausch der Vorfreude abgefeiert als würde es am nächsten Tag verboten – wohlgemerkt von Leuten, die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus heute mit dem Schlachtruf „Fußball ist ein Männersport“ begrüßen. Als Alemannia eine Stunde vor Spielbeginn den Rasen in Sachen Inspektion betrat, brachen schlicht die Dämme – Traumkulisse halt.
 
Den Spielverlauf an dieser Stelle noch einmal aufzuschreiben, wäre sicher eine Beleidigung für jeden Alemannen der dabei war und wer war das nicht? Selten habe ich einen solchen Jubelsturm erlebt wie nach Stefan Blanks Anschlusstreffer, der uns wieder in das Spiel zurückbrachte. Und ungläubig beobachteten wir alle die Leistung George Mbwandos, der an diesem phantastischen Tag über sich hinaus wuchs und um jeden Zentimeter DFB Pokal kämpfte. Klarer Fall: Um die siebzigste Minute herum glaubte ich mit Haut und Haaren an den Pokalsieg. Bis ja bis sich ausgerechnet dieser George Mbwando in den Laufweg von Tim Borowski warf. Der an dem Samstag mehr als fragwürdige Herbert Fandel machte keine Gefangenen und hatte auch kein Problem damit, eine weitere Fehlentscheidung zu treffen und Mbwando vom Platz zu stellen.
 
Mit hängenden Schultern, gestützt von zwei Betreuern, schlich George aus Zimbabwe weinend vom Feld. Er muss Zweifel gehabt haben, als er Richtung Marathontor ging – zu den Fans, die ihn schon so oft verschmäht hatten. Doch dieser Moment war ein besonderer: Ein lang gezogenes „Geooorge Mbwandooo“ rollte so laut wir nur was durch das Olympia-Stadion. 25.000 Aachener feierten den Mann, dessen Platzverweis gerade ihr Pokal-Schicksal besiegelt hatte. Der war überrascht. Und weinte hemmungslos.
 
Als wir noch lange nach dem Spiel auf unseren Sitzschalen standen, um die Jungs dort unten zu feiern, beobachtet ich George Mbwando aus der Ferne und freute mich sehr mit ihm. Gemeinsam mit Willi Landgraf stand er gebannt vor „seiner“ Kurve und zeigte immer wieder abwechselnd auf seine linke Brust und dann mit dem Zeigefinger in die Ränge. Dort zollten sie ihm stehende Ovationen. George Stanley Mbwando, geboren am 29.10.1975 in Gokwe/Zimbabwe, war tatsächlich angekommen in Aachen – angekommen ausgerechnet an dem Tag, an dem er sein letztes Spiel für Alemannia bestritt. Zwei Tage nach dem großen Finale las ich die Aachener Zeitung und war sichtlich überrascht einen offenen Brief von ihm darin zu finden. George Mbwando schrieb: „Ich werde Euch nie vergessen. Danke für alles!“
 
DFB-Pokal ist geil – gerade in Aachen!






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