17.04.11 | Liga-Kolumne

Treffen der Generationen

Mein Onkel Hans ist vor einer halben Ewigkeit einmal vor dem Europaplatz in Aachen geblitzt worden und hat damals nur sehr widerwillig sein Ticket bezahlt – viel mehr: Die Nummer war aus seiner Sicht reine Schikane. Nun ist mein Onkel Hans einerseits ein Besserwisser vor dem Herrn und hat andererseits mit Alemannia ungefähr so viel zu tun, wie Peter Hyballa mit dem früheren Trainer der UdSSR Valerij Lobanowski. Trotzdem muss ich mir die kleine Knöllchen-Anekdote immer wieder anhören, wenn ich mit meinem Vater zu einem Alemannia-Heimspiel fahre. In etwa so, wie mein Sohn Carl den Hinweis auf das ach so tolle Kraftwerk bei Weisweiler, das wir stets ein bisschen früher passieren.
 
Es ist zwar selten geworden, dass mein Vater mit zur Alemannia fährt, manchmal – wenn ich noch eine Karte übrig habe – passiert es aber doch noch. Und hey, wenn Opa Karl-Heinz mit am Start ist, dann – das ist ja wohl klar – sitzt der kleine Carl natürlich auch mit auf dem Bock und montiert seinen Alemannia-Schal fachmännisch an das hintere Fenster des Autos bevor es los geht. „Treffen der Generationen“ also und das Ganze garniert mit einem Kick im Tivoli - besser geht es nicht. Klar, dass feste Rituale an der Tagesordnung sind, wenn die Theisen-Männer zum Fußball fahren. Fanta und Bratwurst für alle! Und natürlich ist auf dem Fußweg zum Stadion hemmungsloses Fachsimpeln angesagt. Wer spielt? Wie hoch gewinnt Alemannia? Und: Wie gut sind die anderen? Das innerfamiliäre Tippspiel etwa ist ein immer wiederkehrendes Erlebnis, bei dem ich traditionell unrealistische Kantersiege der Alemannia ankündige, während Carl meist sehr knapp unterwegs ist und der Alterspräsident nach gespieltem Nachdenken meist auf einen 2:1-Heimsieg setzt. Der Einsatz ist jedenfalls verlockend. Denn wer gewinnt und Carl heißt, bekommt nach dem Spiel ein Capri für 60 Cent an der Aral-Tankstelle.
 
Während der neunzig Minuten wird es mollig warm rund um das beste Stück – denn mein alter Herr nimmt immer eine Plastiktüte mit ins Stadion in der drei Sitzkissen aus seinem Gartenmobiliar auf ihren Einsatz warten. Das findet Carls alter Herr wiederum immer ein bisschen uncool, denn was könnte beispielsweise der Hardcore-Alemanne dazu sagen, der seine umsitzenden Kollegen gefühlte zwei Hundert Mal pro Spiel mit dem wenig einfallsreichen und nur bedingt launigen Zwischenruf „Jeff Jas, Alemannia!“ unterhält. Carl wiederum findet die Kissen klasse, denn sie sind bequem und halten warm. Das würde sein Vater natürlich selbst dann nicht zugeben, wenn es stimmen würde, was ihn aber auch nicht daran hindert, bequemer als sonst darauf zu sitzen.
 
Egal – wenn wir endlich die warmen Plätze eingenommen haben und Fanta und Wurst einigermaßen unfallfrei verhaftet sind, wird kurz noch andiskutiert, wie viele Tore Benny Auer heute wohl macht. Für Carl ist völlig klar, dass so ziemlich alle Buden, die heute fallen, auf das Konto der Aachener Nummer 9 gehen. Schließlich hat er doch zuletzt in unserem Garten die Generalprobe versucht und beim Spiel er gegen sich selbst Aachen gegen Spanien spielen lassen und dabei klare Erkenntnisse für die bevorstehenden 90 Minuten gewonnen. Dabei vernichtete Alemannia nämlich den Welt- und Europameister mit sage und schreibe 8:0 und Benny Auer traf dabei nicht weniger als acht Mal in den Kasten von Iker Casillas – klarer Fall: Jahrhundertspiel. Ein gutes Zeichen, wie ich finde und mache mir daher auch keinerlei Sorgen wegen des Spiels, was da gleich auf uns wartet. Und so ist es auch – denn das Spiel wird gewonnen und Benny Auer trifft in der Tat. Eine ziemlich perfekte Angelegenheit – denn der Tipp des Thronfolgers trifft mehr oder weniger ein, so dass die Sitzkissen wieder ordnungsgemäß in der Plastiktüte verstaut werden können, Benny Auers Leistung fachmännisch gewürdigt wird und die Aral 60 Cent mehr Umsatz macht.
 
Auf dem Nach-Hause-Weg kommt natürlich die Onkel-Hans-Anekdote am Europaplatz erneut auf den Tisch, woraufhin ich leicht genervt mit den Augen rolle. Das typische Augenrollen eines Sohnes, wenn der alte Herr mal wieder ein bisschen das Nervenkostüm strapaziert – etwa so wie Carls Augenrollen als wir bei Weisweiler das dortige Kraftwerk passieren. Treffen der Generationen halt.






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