20.08.13 | Liga-Kolumne

Ein schöner Ausflug

„Das bringt nichts!“ Der Satz des Stadionheft-Verkäufers im Kölner Südstadion schien wie ein Fanal für die bevorstehende Regionalliga-Saison zu stehen – hart, unverblümt und ein bisschen resignierend. Ich hatte versucht, ihm eine Zeitung abzuschwatzen, er hatte sich aber gesträubt und es auf diese Weise begründet. Die Zeitung sei für Aachen-Fans raus geworfenes Geld. Selbst mein Einwand, dass ich ganz allgemein interessiert wäre und das Teil eh umsonst sei, beeindruckte ihn wenig. Im Gegenteil, er legte noch mal nach: „Das bringt nichts!“ Nun denn – nahm ich mir halt selbst eine weg und machte mich mit Anhang auf in Richtung Sitzplatz.
 
Da angekommen, war schnell klar, dass dieser Ausflug eine Reise in die Vergangenheit werden sollte. Denn selbst wenn das hier ein Gipfeltreffen der ewigen Zweitliga-Tabelle war, stellten die Rahmenbedingungen unmissverständlich klar, dass die großen Zeiten des bezahlten Fußballs erst einmal vorbei sind.
Wobei: Das war gar nicht schlecht. Die Stadionwurst zum Beispiel war zwar heiß wie einst Rex Gildo, schmeckte dafür aber um Klassen besser als etwa die in Ingolstadt, Cottbus oder Heidenheim. Die Sitzplätze waren nicht durchnummeriert und standen zur freien Verfügung. Also platzierte man sich völlig relaxed auf Höhe der Mittellinie, um erst mal den neuen Kader zu begutachten. Hm – ein Blick in die Runde der anderen Alemannen machte schnell klar: Hier gilt es ein bisschen zu pauken in den nächsten Wochen bis klar ist, welche Beflockung auf dem Geburtstagstrikot in vier Wochen steht. Die Ratlosigkeit war jedenfalls groß im Block. Als erster Fan-Favorit war aber schnell der Mann mit der Rückennummer 14 auserkoren. „Wer ist die 14?“ Die Antworten reichten von „Shaft“ bis „Dante“, wobei sich letzterer klar durchsetzte.
 
Ein cooler Freitag Abend also bis dahin – wenn man mal vom Blick auf die Ersatzspieler absah, die wenig sauer schienen und sich wie die Cleveland Indians warm machten. Sei´s drum. Was soll man sich einen Kopf um die Ersatzspieler machen, wenn man die erst Elf noch nicht mal kennt?
Einen Kopf machen sollte man sich in Köln eventuell mal über die Ansprachen vor den Spielen machen. Der etwas durchgeknallte, aber dafür im Kern sympathische Fortuna-Grußonkel ließ es vor dem Anpfiff mit einer Karnevalsrede mal so richtig krachen, so dass man sich nun tatsächlich auf diese neue Liga freute.
Also: Anpfiff! Das Spiel begann, wie befürchtet. Fortuna Köln zählte gefühlte acht Chancen in den ersten drei Minuten und Alemannia stand mit Fehlpässen in nichts nach. Was dann kam, geschah wie im Traum! Unverhoffte Führung durch einen Mann mit dem nahezu magischen Namen Garcia, nach dessen Tor die ersten Besucher auf den Sitzen standen und den neuen Status als Spitzenreiter nach alter Väter Sitte feierten. Kurz darauf grüßte der liebe Gott und ließ „Shaft“ oder „Dante“ nachlegen, um so 2.500 Alemannen Tränen in die Augen zu treiben, die ja so etwas seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatten: Elf Männer, von denen man bis zu diesem Abend nahezu noch nichts gehört hatte, kämpften, rannten und grätschten wie um ihr Leben. Was für großartige Jungs! Trotzdem: Für allzu viel Optimismus sorgten sie noch nicht auf den Steh- und Sitztribünen. Dazu hatte man nun wirklich viel zu viel erlebt in den letzten Jahren, so dass eine knappe 2:4 Niederlage fast wie ein Sieg gehandelt wurde. Das war allerdings spätestens dann vorbei, als ein Mann namens Krasniqi kurz nach der Pause traf. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und Online-Portale wie betandwin hätten die ein oder andere Mark verdienen können, hätten sie ein paar Hostessen in der Minute in die Aachener Kurve geschickt und sie auf den Aufstieg in Liga 3 wetten lassen. Aber auch das verging schnell als Fortuna Köln zum 1:3 verkürzte. Denn jetzt hätten nicht wenige auf eine knappe Auswärtsniederlage getippt. Doch weit gefehlt: Alemannia gewann tatsächlich. Der Aachener Anhang stand auf den Sitzen, hüpfte auf in den Kurven und lag sich ganz allgemein in den Armen. Verschmelzung der Fans mit der zwei Stunden zuvor noch unbekannten Mannschaft.
Als ich eine halbe Stunde später auf der Toilette in den Katakomben des herrlich hässlichen Südstadions stand, schauten sich die Alemannen an der Pissrinne ungläubig an. „Mensch – das macht Hoffnung,“ sagte einer zu mir. „Hoffnung,“ meinte ich etwas beschwichtigend, „Hoffnung – das bringt nichts! Aber geil waren sie, die Jungs!“
 






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