15.10.12 | Fußballkultur

F-Jugend Hooligan

Da es am Tivoli derzeit nichts zu erleben gibt, was nach vernünftigem Fußball aussieht, werde ich langsam aber sicher zum treuen und bedingungslosen F-Jugend-Hooligan des Rhein-Erft-Kreises. Denn Carls Mannschaft, die F3 von Grün Weiß Brauweiler, rockt seit einiger Zeit ihre Liga wie einst Willi Landgraf die rechte Kreidelinie am alten Tivoli. Klar – dass ich da als stolzer Familienvater eine Dauerkarte direkt am Spielfeldrand habe. Gemeinsam mit anderen mindestens ebenso engagierten Hooligan-Vätern bin ich mittlerweile so etwas wie ein Experte im Bambini- und F-Jugend-Fußball geworden. Ich kenne alle Mannschaften der Staffel besser als die sich wahrscheinlich selbst. Ich weiß zum Beispiel, welcher Bengel in Brühl-Pingsdorf einen starken rechten Fuß hat, dafür aber eher lauffaul agiert und auf welchen Knirps man bei Viktoria Frechen besser aufpasst und wenn man da ruhig laufen lassen kann. Gut zu wissen, dass man nicht nur über Alemannias Gegner stundenlang philosophieren kann.
 
Carl spielt jedenfalls Rechtsaußen und ist für mich der beste Rechtsaußen seit Jürgen Grabowski – mannschaftsdienlich, trickreich und vor allem torgefährlich. Tore schießt er am Fließband und bringt so ganz nebenbei seinen Großvater um dessen wohlverdiente Rente. Denn der hatte ihm zu Beginn seiner Laufbahn leichtsinnnigerweise einen Euro pro geschossenem Tor versprochen. Klarer Fall von „Pech gehabt“ - gehen dadurch doch schon mal gerne 15 Euro an einem normalen Turniernachmittag durch den Schornstein. Wie auch immer – solche Zahlen wirken auf einen stolzen Fußball-Vater wie Viagra-Pillen auf Pelé. Mit stolz geschwelter Brust stehe ich am Spielfeldrand und feuer den Thronfolger so an, wie ich vor ein paar Jahren nur den Kopf darüber geschüttelt hätte. Fouls an ihm werden nicht selten mit einem entsetzten Schrei und der empörten Forderung nach einer Karte begleitet -die alte Tivoli-Schaule halt. Da macht es mir dann auch nichts aus, dass es in der F-Jugend noch gar keinen Schiedsrichter gibt, sondern das „Faisrplay-Prinzip“ gilt, nach dem sich die Spieler untereinander einigen. Ein system übrigens, das auf dem Platz besser läuft als außerhalb. Die teilweise bemitleidenden Blicke Carls während meinem Support blende ich einfach aus – wäre ja noch schöner. Ich bin Hooligan, Ultra, Groundhopper in einem und damit Teil des Vereins – mir doch egal, was die anderen von mir denken! Diese „Scheißegal-Haltung“ bekomme ich allerdings immer dann zurück, wenn ich als pflichtbewußter Vater-Trainer im Stile einer alten und etwas verbitterten Eiskunstlauf-Mutti das Wort an den kommenden Alemannia-Rechtsaußen richte – etwa nach den Turnieren oder Spielen. Denkwürdige Sätze wie „Das war schon richtig stark! Jetzt musst Du nur noch öfter den Antäuscher-Trick machen!“ oder „Du musst nicht so viel grätschen. Dann nimmst Du Dich selbst aus dem Spiel!“ prallen an Carls Teflonschicht ab, noch bevor sie überhaupt zu Ende gesprochen sind. Gut so – bestand die Trickkiste seines Vaters seinerzeit in der zweiten Mannschaft des TSV Stockheim09 doch ausschließlich aus dem Antäuscher-Trick, der damals noch bezeichnenderweise „Kreisliga-C-Trick“ hieß. Und den Spitznamen seines Vaters „Die Grätsche“ sollte Carl besser auch nie erfahren. Selten nahm sich ein Spieler öfter selbst aus dem Spiel als sein alter Herr. Trotzdem: Ein bisschen Ahnung werde ich ja wohl auch noch haben, oder? Klar – führt der junge Carl mich beim „Drei-Linkser“ (Spiel bis Drei bei dem nur Tore mit Links zählen) im hauseigenen Garten nach allen Regeln der Kunst vor, aber als echter Kenner der Bambini- und F-Jugend Szene weiß ich schon auch noch, was geht und was nicht. All die verlängerten Sky-Abos können am Ende doch nicht umsonst gewesen sein.
 
Und das Ziel – das muss ja wohl „Tivoli“ heißen. Gut, dass ich jeden Tag daran erinnert werde, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme - immer dann, wenn mir ein Kleinbus entgegen kommt auf dem in großen Lettern geschrieben steht: „Talente auf dem Weg zum Tivoli“. Mannomann – gibt es in disen schweren Tagen tatsächlich noch etwas, was Alemannia richtig macht? Und dann ausgerechnet auch noch die Jugendarbeit? Denn all die anderen Vereine, die ihre seltsamen Scouts zu den Spielen von Grün-Weiss Brauweiler schicken, lassen ihre Kinder selbst antanzen. Kein Kleinbus, kein Fahrservice und auch sonst keine Vergünstigungen. Da scheint Alemannia doch tatsächlich einen Schritt voraus – klar, dass ich das zu Hause jedesmal lauthals verkünde, wenn ich meine Selbstgespräche in den Raum rufe. Doof nur, dass auch die an der Teflon-Schicht abprallen, brökelt doch auch gerade die Leidenschaft für den Abstiegskandidaten der dritten Liga bedenklich. Aber da hat der junge Skywalker die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Denn ich kann hartnäckig sein. Wer ein paar Jahrzehnte am Tivoli verbracht hat, für den sind die Seitenlinien des Jugendfußballs ein Klacks! Ich bleibe da und gehe nicht weg – bis die Teflonschicht zu ihrerseits zu brökeln beginnt. Und dann – eines tages – komme ich von der Arbeit und winke fröhlich in den Kleinbus, kurbel die Scheibe runter und rufe „Vergiss den Antäuschertrick nicht!“ Bis gleich!“. F-Jugend-Hooligans sind harte Typen!
 






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