15.11.12 | Liga-Kolumne

Am Rande des Erträglichen

Als Fan von Alemannia musste man schon einiges bewältigen: Fußballer, die eher an Flipper-Automaten als an Profifußball erinnerten, Torhüter, die erschreckende Parallelen zu Bewegungsabläufen handelsüblicher Pilonen aufwiesen und Weltmeister-Trainer, die den Vornamen ihrer Spieler genauso wenig kannten, wie den viereckigen bulgarischen Torschützenkönig, den sie für viel Geld verpflichteten. Dazu kamen Dopingvorwürfe an kleine glatzköpfige Stürmer, die aber schnell wieder verworfen wurden, virtuelle Schraubenwürfe, die in Geisterspiele mündeten und türkische Lichtgestalten, die auf einmal für so viel Pyrotechnik am Tivoli sorgten, dass heute selbst Johannes B. Kerner beim Anblick des bengalischen Spektakels erröten würde.
 
Keine Frage: Die Liste der sportlichen Verfehlungen, provinziellen Skandälchen und daraus resultierenden Anekdoten ist lang, unglaublich, dafür aber immer amüsant – übrigens, etwas, das Alemannia für mich immer so besonders machte. Denn eines war Alemannia nie: aalglatt oder langweilig. Dafür war sie immer wild und gefährlich. Vor allem deswegen fiel es mir letzten Endes doch immer leicht, mit diesen kleinen Fehltritten auf und außerhalb des Platzes klar zu kommen. Denn hier ging es meistens um den Sport selbst. Und wie dieser zelebriert wird am Tivoli, darüber kann der gemeine Alemanne an sich immer noch mehr debil als verzweifelt schmunzeln. Etwas so ernst nehmen, dass man darüber lachen kann – das ging und geht am Tivoli oft besser als anderswo. Eine Fähigkeit zudem, die bisweilen vom Fußballgott höchst selbst belohnt wird – nicht anders ist es zu erklären, dass der Club erst vor ein paar Jahren noch im DFB-Pokal Finale, im UEFA Cup und in der Bundesliga spielte und alle drei Veranstaltungen nach Kräften derart aufmischte, dass man sich glatt hätte daran gewöhnen können. Genau das taten wir aber nicht - denn jeder, der damals dabei war, wusste: Das hier ist nichts für die Ewigkeit, das wird endlich sein – also lasst es uns genießen so lange es geht.
 
Diese grundsätzlich ebenso realistische wie positive Haltung gegenüber dem, was sportlich auf so einzigartige Weise erreicht wurde, bewahrte sich allerdings leider nur die Basis des Vereins – die, die jedes Wochenende mit Schal, Trikot und Mütze zur Krefelder pilgern und dort bei Bratwurst und Bier die Aufstellung und nicht den Größenwahn diskutieren. Leider taten gerade letzteres verstärkt sich selbst überschätzende Provinzfürsten - die verloren den Boden unter den Füßen, denn sie hatten offenbar nie verstanden, was Alemannia so besonders macht. Nicht anders ist es zu erklären, dass ein viel zu großes seelenloses Stadion gegen ein identitätsstiftendes, genau richtiges, eingetauscht wurde – womit wir bei den außersportlichen Erlebnissen wären, die auch der gemeine Alemannia-Fan nicht so leicht weg steckt. Wer die Atmosphäre beim letzten Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden miterlebte, weiß, was ich meine – auch wenn der Gegner zugegebenermaßen die Stahlkraft einer Kläranlage hatte. Verzweifelte Versuche einen irgendwie anständigen Support auf die Reihe zu bekommen, scheiterten ebenso schnell wie verständlich. Selten plätscherte ein Spiel so dahin wie dieses. Verständlich, denn wie kann man etwas mit bedingungslosem Herzblut unterstützen, von dem man nicht weiß, ob es am nächsten Tag überhaupt noch existent ist. Da schlägt die Trauer die Hoffnung haushoch.
 
Dennoch: Im Internet – speziell in den eingängigen sozialen Netzwerken – bewältigten viele ihren Schmerz, suchte sich Unverständnis, Zorn und Ratlosigkeit ob der katastrophalen Lage, in der sich der Verein derzeit befindet, seinen Raum. Traurige Abgesänge auf ein Leben mit Alemannia brachten und bringen mich um den Schlaf und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Andererseits trösten sie mich auch, zeigen sie doch, dass ich nicht alleine bin mit meiner Trauer, meiner Wut. Ein Spendenaufruf eines befreundeten Fans war der Versuch selbst etwas zu tun, das Schicksal des Vereins selbst in die Hand zu nehmen – das zu retten, was man liebt. Natürlich war mir klar: Die paar Euro, die ich überwies, würden nicht reichen, um sechs Jahre Verfehlungen wieder zu reparieren – trotzdem tat es gut, irgendetwas tun zu können. So wie damals, als die Fans des Vereins und die Spieler, die später im UEFA Pokal auflaufen sollten, mit Sammelbüchsen durch die Stadt liefen und ich als Student eine Party gab für die ich Eintritt verlangte, den ich nachher ebenso spendete, wie die Kollekte, die auf dem Küchentisch neben dem Bierfass stand. Damals hat es genutzt, was mich wieder daran erinnert, dass es schon mal so Scheiße war. Was wird diesmal? Ich habe keine Ahnung, schmunzeln kann ich jedenfalls nicht darüber. Das würde ich aber gerne mal wieder tun – über Flipperautomaten, Pilonen und bulgarische Torschützenkönige. Ist lange her!
 






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