10.12.12 | Liga-Kolumne

Längst vergessene Schmerzen

Am meisten tat es weh, als sie mir sagte, dass das alles doch gar nicht schön gewesen sei und dass ich doch auch zugeben müsse, dass es besser für uns beide sei, es zu beenden. Sie sagte das am Telefon, so dass ich nicht mal in ihre Augen sehen konnte als ich sie verlor. Nein, ich fand ganz und gar nicht, dass es für uns beide besser wäre, wenn es vorbei wäre. Denn ich hatte es die ganze Zeit verdammt noch mal wunderschön gefunden, war ich doch zum ersten Mal in meinem Leben wirklich verliebt. Nicht wie in der Grundschule bei Anke Düppengießer, als Liebe noch aus Fritt-Kaustreifen in der großen Pause bestand und auch nicht wie bei den anderen Mädels, die ich hinter irgendwelchen Festzelten auf irgendwelchen Dörfern des Kreises Düren küssen durfte. Vielleicht hätte ich genau deswegen wissen müssen, dass sie mich eines Tages verlassen würde. Denn ich war noch lange nicht so weit. Sie war um einiges größer als ich. Sie hörte Kurt Cobain und Eddie Vedder, während ich Klaus Augenthaler und Winfried Hannes für Rock n Roll hielt. Sie hatte einen eigenen unverwechselbaren Stil, als ich noch Jeanskutten mit Fußball-Aufnähern trug und sie war so schön, dass jemand wie ich an ihrer Seite wie blanker Hohn wirken musste. Trotzdem war sie mit mir zusammen. Und auch wenn es nur kurz war, gab sie mir das Gefühl, dass hier etwas ganz Großes am Start war – eben bis zu dem Tag als sie mir sagte, dass das alles doch gar nicht schön gewesen sei und ein Ende besser für uns beide sei. Stephie aus Mönchengladbach war es, die mir das Herz raus gerissen hatte, als sie mich verließ – plötzlich, knallhart und am Telefon. Nie wieder seitdem hatte ich dieses dumpfe Gefühl von Schmerz, Wut, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Viele Jahre kam ich nicht darüber hinweg. Erst als ich Eveline traf, konnte ich wieder Eddie Vedders Stimme hören ohne zu schwitzen und hörte auch auf damit, Winfried Hannes die Schuld an meinem missratenen Leben zu geben.
 
Am vergangenen Donnerstag war er wieder da – dieser Schmerz, der in mich hineinflog wie Willi Landgraf einst in die Kreidelinie am alten Tivoli. Als sich in den gängigen sozialen Netzwerken unter den Alemannia-Fans das Gerücht zur Gewissheit verdichtete, dass Alemannia den härtesten seiner zahlreichen harten Kämpfe würde bestreiten müssen, tat es wieder – und genau wie damals –in exakt der gleichen Weise weh wie damals. Unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, musste ich nun also hinnehmen, dass es Alemannia und mich bald vielleicht nicht mehr geben würde – zwar nicht am Telefon und auch nicht plötzlich, aber dafür umso härter. Klar – die Erkenntnisse um Misswirtschaft, Provinzfürstentum und Versäumnisse, machte und macht mich immer noch unendlich wütend. Aber im Vergleich zu dem emotionalen Chaos, das da seit letzter Woche in mir wütet, ist dieser Zorn ein echter Kinderteller.
 
Was zum Geier passiert da gerade nur? „Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen – Alemannia Aachen wird nicht untergehen!“ – Zeilen, die vor jedem Spiel seit Jahrzehnten von den Menschen am Tivoli gesungen werden – sie waren bis vor kurzem noch eine abstrakte Liedzeile, die man nur allzu bereit war mitzusingen, um seiner Leidenschaft, seiner Liebe Ausdruck zu verleihen. Nun holen sie Dich ein und keiner weiß, ob sie noch stimmen. Mal ehrlich: Wer hat ernsthaft damit gerechnet? Ich jedenfalls nicht! Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum ich täglich darin versage, die aktuelle Situation um Alemannia meinem Sohn zu erklären, der jeden Montag vergeblich darauf wartet, vor dem Schlafengehen, das Alemannia Wappen in der KICKER Stecktabelle diese Woche vielleicht endlich mal einen Platz nach oben stufen zu dürfen.
 
Als Steffie damals Schluss machte, war der Schmerz tief und heftig. Aber irgendwann kam ich darüber hinweg – es dauerte, aber ich schaffte es. Ich traf eine andere Frau und wurde doch noch glücklich – vielleicht auch weil ich Jahre vorher einen Menschen wie Steffie getroffen hatte. Wenn Alemannia aus meinem Leben verschwindet, gibt es keine Hoffnung auf die heilende Zeit – die Narbe wäre endgültig. Denn es war die ganze Zeit wunderschön und keinem von uns beiden würde es gut tun, wenn wir uns trennten. Nichts würde mehr so ein wie vorher – nie mehr!
 
 






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