12.04.13 | Liga-Kolumne

No surrender

Seit einiger Zeit haben die Spiele von Alemannia für mich vor allem einen melancholischen Touch. Die Zeiten von rauschenden Fußball-Festen scheinen irgendwie vorbei. Aber was willst Du auch machen, wenn auf dem Platz die halbe A-Jugend zwar alles versucht, dabei auf verständliche Grenzen stößt? Was mir in solchen Momenten immer ganz gut hilft, ist ein etwas zu trauriges Lied im CD-Spieler. Das läuft dann im Melancholie-Modus wie ein Länderspiel. Man kann sich richtig schmutzig im eigenen Schmerz drehen und suhlen. Schmerz mit Gegenschmerz bekämpfen!
 
Wer mir dabei schon immer geholfen hat, ist der Boss. Schon damals, als ich jünger war, und es mit der einen und einzigen Frau irgendwie nicht so klappen wollte, wie ich das eigentlich vor hatte, war der Boss mein bester Freund in dunklen Zeiten. Die Texte aus irgendwelchen Fabrikhallen in verfallenen Städten der USA , wo sich Acht-Stunden-Tage anfühlen wie ein ganzes Leben, waren so etwas wie ein trister aber auch aufrecht erhaltender Anker in den Wirren der Teenager-Liebe, die mich sonst den ganzen Tag über so fest im Griff hatte. Wer schon einmal von einer Frau am Nasenring durch die Manege des Schmerzes geführt wurde, weiß, was ich meine. Der Boss spricht dann Deine Sprache und Du kannst ihm vertrauen, dass er die richtigen Worte findet. Nächte lang habe ich damals Songs wie „Downbound Train“, „The River“ oder „ My Hometown“ gehört und schon waren Frauen, die Steffi oder ähnlich hießen ein kleines Stück bedeutungsloser, als sie es noch kurz davor waren. Thank God, the boss is on your side.
 
An diese Momente erinnerte ich mich auch vor kurzem, als ich mit Carl nach dem Chemnitz-Desaster nach Hause fuhr und meinen Sohn aufgrund der Darbietungen im Tivoli für immer und ewig an einen anderen Verein verloren glaubte. Ganz der Vater befahl ich dem Thronfolger die Springsteen-Box aus der Beifahrertür zu holen und eine CD seiner Wahl einzulegen. Und weil er der Sohn ist, der er nun mal ist, tat er wie befohlen und ich bat ihn auch noch eine Titelnummer seiner Wahl zu drücken. Als er auch das getan hatte, wartete ich, was der Zufall für uns bereit hielt und vor allem darauf, was der Boss uns in dieser schwärzesten Alemannia-Stunde mit auf den Weg geben würde. Und er enttäuschte mich nicht – genau wie er mir früher über zweifelhafte Mädchen half, gab er mir auch diesmal ein bisschen Hoffnung. Und meinem Sohn gleich dazu – auch wenn dessen Englisch noch leicht ausbaufähig ist. Der Boss sprach:
 
Well, we made a promise we swore we'd always remember
No retreat, baby, no surrender
Like soldiers in the winter's night
With a vow to defend
No retreat, baby, no surrender
 
Well, now young faces grow sad and old
And hearts of fire grow cold
We swore blood brothers against the wind
Now I'm ready to grow young again
And hear your sister's voice calling us home
Across the open yards
Well maybe we'll cut someplace of own
With these drums and these guitars
 
'Cause we made a promise we swore we'd always remember
No retreat, baby, no surrender
Blood brothers in the stormy night
With a vow to defend
No retreat, baby, no surrender
 
Und ich schaute mit leicht glasig verklärtem Blick zu meinem siebenjährigen Sohn auf dem Beifahrersitz, der immer noch seine viel zu große Mütze mit dem Aufdruck „traditionsretter“ auf dem Kopf hatte, und sagte mit festem Ton zu ihm: „Aber gegen Rostock! Da gewinnen wir!“ Und er lächelte beinahe erleichtert und schaltete ohne, dass ich es sagen musste wieder das Radio ein.
 






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