27.03.14 | Liga-Kolumne

Meine Nacht als Guardiola

Alemannia-Fan zu sein, das heißt manchmal, morgens als Pep Guardiola aufzuwachen und abends als Sascha Theisen wieder ins Bett zu gehen. Kontrast als Lebensgefühl. Scheitern als Gewissheit. Niemand hat das so parat für Dich wie Alemannia.
 
Als spanischer Fußballlehrer analysierte ich jedenfalls letzten Dienstag auf der ziemlich maroden Tribüne des „Pele-Wollitz-Gedächtnis“-Stadions das Spiel von Peter Schuberts Jungs in Köln. Allerdings hätte wahrscheinlich auch mein früherer Jugendtrainer erkannt, dass unsere Truppe gegen Viktoria Köln auf die komplett falsche Taktik setzte. Die Viererkette, die Schuberts Kollege Wollitz auf den Rasen der Einflugschneise Kölns geschickt hatte, maß insgesamt acht Meter. In ihrer Statue erinnerten die Jungs an Kleiderschränke, während die Stürmer der Alemannia eher wie Schubladen aussahen. Man musste also eigentlich kein Pep Guardiola sein, um zu erkennen, dass hier im Flughafen-Stadion hohe und lange Bälle eher wenig erfolgreich sein dürften. Da Peter Schubert und Rainer Plaßhenrich das aber offenbar anders sahen oder aber über Spieler verfügten, die ihre Anweisungen offenbar so interpretierten, kam ich mir an diesem eher kalten März-Abend doch so vor, als sei ich Pep höchstpersönlich. Ich erzählte jedem, der nicht schnell genug weg hörte, dass hier nur Kurzpassspiel und Ballsicherheit die Spielidee, der Matchplan sein konnten. Wie zum Hohn spielten Hackenberg, Thackray und Co. trotzdem munter weiter nach dem biederen Konzept des „Hoch und weit“ und bestätigten damit nach all den Jahren noch einmal den längst vergessenen deutschen und wenig spanischen Fußballlehrer Erich Ribbeck, der einst im Brustton der Überzeugung zu Protokoll gegeben hatte, dass Konzepte Kokolores seien. Nun denn – Kokolores war der Auftritt in Köln, stand am Ende doch ein trostloses 0:2, das aber immerhin konsequent den hohen und weiten Matchplan verfolgt hatte.
 
„Ha! Das kann ich besser!“ dachte ich ganz Pep und freute mich schon mächtig auf den nächsten Tag. Dann stand nämlich meine eigene Feuertaufe als Trainer auf dem Programm. Freundschaftsspiel am Tivoli mit meiner F-Jugend gegen die achtjährigen Alemannen. Da würde ich den ganzen Trainernovizen mal zeigen, was eine Harke ist. Tiki-Taka-Theisen! Wenn es Trainer-Scouts gibt, würden sie sicher zum Tivoli kommen und das war klar: Sie würden mich entdecken, wenn meine Jungs nur so zaubern, wie ich es ihnen vorgebe.
 
Gesagt getan! In der Mannschaftsbesprechung vor dem Kick gestikulierte ich wild, malte mit meinen fuchtelnden Händen taktische Gebilde in die Luft und suhlte mich in taktischen Anweisungen von „Positionswechseln“, „Kurzpässen“ und „Gegenpresssing“. Staunende Augen aus achtjährigen Köpfen schauten mich an und dass sie das eher verwirrt taten, ging komplett an mir vorbei. Ich ahnte es allerdings, als das Spiel los ging. Denn schnell stand es 2:0 für Alemannia und zwar lange bevor der erste Tiki-Taka-Pass überhaupt erst gespielt werden konnte. Von da an ist die Geschichte des Spiels schnell erzählt: Grün-Weiß Brauweiler mit meinem verlängerten taktischen Arm, Carl Theisen, auf zentraler Mittelfeld-Position spielte in erster Linie hohe und weite Bälle, die aber an den körperlich deutlich überlegenen Alemannia-Abwehrspielern komplett abprallten. Trotzdem änderte sich an dieser taktischen Ausrichtung im kompletten Spiel nichts aber auch gar nichts mehr. Hohe und weite Bälle – das Mittel der Stunde. Das Ergebnis war deutlich: 0:8! Denn es waren ausgerechnet die kleinen Alemannen, die den Ball laufen ließen, gekonnte Doppelpässe zelebrierten und mit konsequentem Positionsspiel Tor auf Tor schossen. Tiki-Taka – aber eben von den anderen.
 
Na Danke schön! Alemannia, Du Biest! Musst Du ausgerechnet dann damit anfangen Fußball zu spielen, wenn ich vorbei schaue und zur ganz großen Trainerkarriere ansetze? Geprügelt wie ein Hund schlürfte ich jedenfalls zwanzig Meter hinter meinen Jungs vom Feld zum Parkplatz. Auf dem Weg zu meinem Auto stieß ich fast noch mit Nazim Sangare zusammen. Der hatte am Tag zuvor gegen Viktoria Köln gar nicht erst mitgespielt. An seiner Hand führte er einen Schuss, der meine Tochter hätte sein können. Ich schaute nicht auf – warum auch? Ich war tief gefallen – war wieder Theisen, nach einer einzigen Nacht als Guardiola.
 






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