02.04.14 | Liga-Kolumne

Mitleid de Luxe

Gestern Abend war ich noch mal selbst Fußball spielen – Soccer-Halle, Fünf gegen Fünf, ein paar Jungs, deren Vater ich sein könnte und ein paar in meinem Alter, die ungefähr das Tempo von Benny Auer auf dem Kasten haben. Meinem Wohnort geschuldet, ist das Ganze immer auch ein Schaulaufen des örtlichen Fußballclubs, der mehr ein Karnevalsverein ist als irgendetwas anderes. Deshalb zaubern auf dem schmalen Court an meiner Seite die Herren Risse, Novakovic, McKenna und drei Podolskis in weißen Trikots. Gut, wenn man da gleich von Beginn zu „den Bunten“ gehört, die die andere Mannschaft bilden. Denn trotz Niederlagen gegen übermächtige Bezirksligisten und Kanter-Desastern gegen Zweitvertretungen von Bundesligisten ist immer noch völlig klar: Wenn ich selbst kicken gehe, dann mache ich das in schwarz-gelb. Allerdings: Kam an der Stelle früher ehrlicher Spott, regiert heute bei den anderen Mitspielern eher Ratlosigkeit. Denn leider verfolgt niemand mehr, der auch nur annähernd alle Tassen im Schrank hat, was die klamme Alemannia aus Aachen noch so treibt. Und so sind es heute eher besorgte Verständnisfragen, denen man ausgesetzt ist, wenn man mit dem Alemannia-Wappen auf der Brust über den Kunstrasen rumpelt.
 
„Wer zum Geier ist Thackray?“ Nachvollziehbare Frage, die sich auf meine Beflockung bezieht und gleichzeitig eine Steilvorlage ist. Denn hier kann ich wunderbar punkten. „Das ist unser Engländer! Vorstopper! Krasser Typ!“ Ha! Einen Engländer haben sie weder in Köln noch in München zu bieten. Aber wir haben so einen und niemand der hier Anwesenden hat ihn jemals gesehen. Also spüre ich förmlich, wie sich vor dem geistigen Auge der anderen ein vier Zentner schwerer und drei Meter großer Bulle mit vier Zähnen und 12cm-Narbe über dem Auge aufbaut. Sollen sie ruhig in dem Glauben bleiben. Schließlich macht das Alemannia doch wieder ein bisschen spannender und mich ein bisschen stolzer auf mein Trikot. Problematischer wird es allerdings als die unvermeidliche Frage kommt, wie es denn derzeit um Alemannia bestellt ist. Hm – da bleibt wenig Spielraum, leider. Also fange ich erst mal an mit „ Ordentlicher Abstand auf die Abstiegsränge!“ Bäm! Der hat gesessen – bis einer verständlicherweise einwendet: „Spielt da nicht auch unsere Zweite?“ „Ja, ja – die spielt da. Die haben wir 2:1 zu Hause vernichtet!“ Leises Grinsen! Und ich hoffe, dass wir jetzt endlich spielen können und keiner den Mittelrheinpokal kennt. Doch dann kommt es doch. „Habt Ihr nicht gerade gegen einen Bezirksligisten verloren?“ Schweigen! Da lassen sogar die Jungspunde den Ball beim Warmlaufen liegen und warten auf Thackrays Antwort – auch das verständlich, weil der ein oder andere von ihnen sich die Bezirksliga durchaus zutrauen würde. Also sage ich gar nichts mehr, nicke nur kurz und rufe laut in die Halle: „Sind wir zum Quatschen hier? Oder können wir langsam mal anfangen?“. Wenn man nicht mehr weiter weiß, einfach das Thema wechseln. Das klappt immer! Im Anschluss schießt Thackray vier Tore und verschuldet ungefähr doppelt so viele. Ganz wie im richtigen Leben.
 
Beim abschließenden Weizen nach dem Kick wird dann doch noch mal Alemannia zum Thema. Wir sitzen nur noch zu viert zusammen und nun sind die Nachfragen ernsthafter und voller Mitgefühl. Nach meiner Schilderung des Inde-Hahn-Desasters höre ich Sätze wie „Eine Schande ist das!“ und „Ihr hättet nie das alte Stadion abreißen dürfen! Da ist niemand je gerne hingefahren! Mit dem Kasten würdet Ihr heute noch in der zweiten Liga spielen und Bezirksligisten würden mit zehn Dingern nach Hause gehen!“. Ich nicke in mein Bier starrend zustimmend – auch als es heißt: „Alemannia, die mochte ich immer total! So eine Stimmung, wie bei Euch, die gab es sonst nirgendwo. Mannmann – was für ein Absturz! Was Schlimmeres kann ich mir kaum vorstellen! Ich drücke Euch die Daumen, dass es wieder aufwärts geht! Bleib auf jeden Fall dran!“ Und so merke ich, dass Alemannia selten so beliebt war wie gerade jetzt – jetzt, wo wir nach allen Regeln der Kunst abkacken und sogar Thekenfußballer eine Nummer zu groß für uns sind. Mitleid de Luxe! Mal ehrlich: Wer will das schon? Da bluffe ich doch lieber weiter mit dem waschechten Engländer in unserer Abwehr, von dem keiner weiß, wie er aussieht. Ach Alemannia – was ist nur aus Dir geworden?
 






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